Der unsichtbare Draht

Nach der Wen­de 1989 schlie­ßen Ost- und West­deut­sche Freund­schaf­ten. Ein Knei­pen­ge­spräch mit sechs Freun­den aus dem Grenz­ge­biet dar­über, wie Men­schen aus zwei grund­le­gend ver­schie­de­nen Sys­te­men zusam­men­fin­den kön­nen.


von Alexandra Rank und Jakob Schätzle

Es ist vier Uhr nach­mit­tags, das Gast­haus „Zum Schiff“ im thü­rin­gi­schen Sall­manns­hau­sen ist ziem­lich leer. Nur an einem Tisch sit­zen sechs Gäs­te, vor ihnen ein paar Bier, ein Was­ser und eine Cola. An der Tische­cke am Fens­ter sitzt Horst. Er und sei­ne Ehe­frau Bär­bel kom­men aus Wom­men. Das Dorf lag zur Zeit der inner­deut­schen Gren­ze in der Bun­des­re­pu­blik. Die ande­ren vier am Tisch stel­len sich reih­um vor: Hei­ko, Karl, Ernst und Jörg – alle auf­ge­wach­sen in der DDR. Jetzt leben die sechs einen Kilo­me­ter ent­fernt von­ein­an­der in den Dör­fern Wom­men und Sall­manns­hau­sen. Zu DDR-Zei­ten aber war Sall­manns­hau­sen im Osten und Wom­men im Wes­ten.

Horst, aus dem ehemaligen Westen
Horst, aus dem ehe­ma­li­gen Wes­ten
Bär­bel, aus dem ehe­ma­li­gen Wes­ten

Die Grenz­zäu­ne und der Grenz­fluss Wer­ra mach­ten jeden Kon­takt unmög­lich.

In den Jah­ren nach der Wen­de lern­ten die vier ehe­ma­li­gen Ost­deut­schen auf ver­schie­de­ne Wei­se Horst und Bär­bel ken­nen – über den Vater, im Gast­haus oder als neu­en Nach­barn.

Ernst, aus dem ehemaligen Osten
Ernst, aus dem ehe­ma­li­gen Osten
Jörg, aus dem ehe­ma­li­gen Osten
Heiko, aus dem ehemaligen Osten
Hei­ko, aus dem ehe­ma­li­gen Osten
Karl, "der Karl aus der zone" oder auch "Calzone", aus dem ehemaligen Osten
Karl, aus dem ehe­ma­li­gen Osten

Heu­te hat Horst sei­ne Kum­pels im Gast­haus „Zum Schiff“ zusam­men­ge­trom­melt. Hier haben die Ein­woh­ne­rIn­nen von Wom­men und Sall­manns­hau­sen 1989 ihr ers­tes gemein­sa­mes Sil­ves­ter gefei­ert.

EINSTEINS im Gespräch mit sechs Freun­den aus zwei Sys­te­men.

Horst hebt ein gro­ßes dunk­les Foto­al­bum auf den Tisch. Eine Sei­te zeigt Fotos von dem Tag, an dem die Gren­ze zwi­schen Wom­men und Sall­manns­hau­sen geöff­net wur­de. Von da an konn­ten die Bewoh­ne­rIn­nen auf direk­tem Wege in das jeweils ande­re Dorf gelan­gen. Die Öff­nung wur­de gebüh­rend gefei­ert. Das war auch der Tag, an dem Horst zum ers­ten Mal in Sall­manns­hau­sen und im „Schiff“ war. Und dann sind wir von hier nach Wom­men rüber und dort in die Knei­pe, erzählt Horst. So viel Schnaps hab’ ich noch nie gesof­fen“, sagt Karl und lacht.

Teil I: Zweifeln und Zusammenwachsen

Ernst steht immer mal wie­der auf, um sei­ner Frau Lisa mit den Geträn­ken hin­ter der The­ke zu hel­fen. Hei­ko ver­lässt den Schank­raum gele­gent­lich für eine Ziga­ret­te. Nach­dem die sechs nun lan­ge über die Pro­ble­me von Freund­schaf­ten und der Wie­der­ver­ei­ni­gung dis­ku­tiert haben, wol­len wir wis­sen, was sie damals über ihre Nach­barn dach­ten. Es kur­sier­ten vie­le Vor­ur­tei­le, auch heu­te noch. Waren es nur die Rei­chen im Wes­ten und die Nai­ven im Osten?

Teil II: Arroganz und Vorurteil

Die Stri­che auf den Bier­de­ckeln sind mehr gewor­den und im Gast­haus „Zum Schiff“ sit­zen mitt­ler­wei­le auch ande­re Gäs­te. Horst, Bär­bel, Hei­ko, Karl, Ernst und Jörg blät­tern in dem alten Foto­al­bum und amü­sie­ren sich über das Bild im DDR-Rei­se­pass von Hei­ko. Jeder trinkt sein Bier aus und zahlt. Alle machen sich auf den Heim­weg. Die einen nach Sall­manns­hau­sen, die ande­ren nach Wom­men. Nur mit der Bun­des­län­der­gren­ze dazwi­schen. Ohne Zaun.


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