Sieben Stunden warten in Wartha

Ilse Alten­brunn ist mitt­ler­wei­le 82 Jah­re alt und hat ihr gan­zes Leben lang im thü­rin­gi­schen War­tha ver­bracht. Über ein 70-See­len-Dorf, das es sogar in den Köl­ner Kar­ne­val geschafft hat.


von Simon Müller | Foto: Steffen Grütjen

Mir war klar, dass das kri­tisch wird“, sagt Ilse Alten­brunn. Für sie ist die Wie­der­ver­ei­ni­gung nur teil­wei­se gelun­gen. Unsi­cher­heit, Exis­tenz­angst, Iden­ti­täts­lo­sig­keit. Es sind Erschei­nungs­bil­der des Mau­er­falls 1989, die beson­ders im Wes­ten oft nicht wahr­ge­nom­men und ver­ges­sen wer­den. Bei aller Eupho­rie ging unter, dass vie­le Men­schen wie Ilse Alten­brunn ihr Leben lang im DDR-Sys­tem gelebt hat­ten und des­sen sozia­lis­ti­sche Struk­tu­ren gewohnt waren. Jede und jeder hat eige­ne Erfah­run­gen gemacht. „Die einen mei­nen so, die ande­ren so. Wie es einen per­sön­lich eben betrifft.“ Ilse Alten­brunn hat­te auf ihrem Bau­ern­hof zunächst Schwie­rig­kei­ten, sich an die freie Markt­wirt­schaft zu gewöh­nen, schaff­te es aber, ihren Hof am Leben zu hal­ten. Über allem steht trotz­dem die Erleich­te­rung, dass ihr gelieb­tes War­tha heu­te nicht mehr von Zäu­nen ein­ge­kes­selt, son­dern ein ver­schla­fe­nes und vor allem frei­es Dörf­chen an der Wer­ra ist.

Wo gehö­ren wir eigent­lich hin?“ Ilse Alten­brunn lebt seit 1937 in ihrem beschau­li­chen War­tha in Thü­rin­gen auf der west­li­chen Sei­te der Wer­ra. Es gehör­te aber trotz­dem zum Osten und lag auf dem Gebiet der DDR. Denn hier bil­de­te seit Jahr­hun­der­ten nicht die Wer­ra die Gren­ze zwi­schen Thü­rin­gen und Hes­sen. Einen Kilo­me­ter ent­fernt lag auf der glei­chen Sei­te der Wer­ra das hes­si­sche Her­les­hau­sen, das zur Bun­des­re­pu­blik gehör­te.

Jeder Zug hielt in Wartha

Damals hat jeder Zug gehal­ten. Und jetzt, wo wir mit­fah­ren könn­ten, hält kei­ner“, meint Ilse Alten­brunn, wenn sie an den alten Bahn­hof in ihrem Ort denkt. Ihr 70-See­len-Dorf kann­te bei­na­he jeder in Ber­lin — wegen des Bahn­hofs. Das Dorf war im letz­ten Jahr­hun­dert lan­ge Zeit hoch bri­san­tes und teil­wei­se gefähr­li­ches Grenz­ge­biet und inter­na­tio­nal vor allem als Tran­sit­stel­le für Schie­nen­ver­kehr bekannt. In West­ber­lin hing ein Schild mit der Auf­schrift „War­tha 370 km“. Dass da viel los war und vor allem viel und lan­ge kon­trol­liert wur­de, haben auch die Men­schen in War­tha bemerkt. „Im west­deut­schen Kar­ne­val hieß es immer: War­tha hat den größ­ten Bahn­hof der Welt, da braucht der Zug sie­ben Stun­den bis er durch ist“, erin­nert sich Ilse Alten­brunn. In der gan­zen getrenn­ten Repu­blik war der klei­ne Ort ein Begriff.

Ilse Alten­brunn hat trotz aller Wid­rig­kei­ten ger­ne in War­tha gelebt. „Wir waren eben hier zuhau­se. Das war das Wich­tigs­te.“ Flucht­ge­dan­ken kamen bei ihr nie auf. Obwohl sie spä­tes­tens seit 1960 wuss­te, wel­che Art von Sys­tem in der DDR herrsch­te. Die land­wirt­schaft­li­che Genos­sen­schaft LPG ver­staat­lich­te ihr Land. Von nun an gehör­te der Hof der Alten­brunns, den sie spä­ter von ihren Eltern über­nahm, dem Staat. Sie muss­ten ein Soll an Vieh und Getrei­de ablie­fern. „Das hat hier eben alles anders funk­tio­niert.“

Novem­ber 1989: Das Wochen­en­de, das in die deut­sche Geschich­te ein­ging. Für Ilse Alten­brunn kam die Wen­de über­ra­schend. „Damit war nicht sofort so zu rech­nen“, sagt sie. „Beson­ders wenn man die Stim­mung, die zu der Zeit in den Städ­ten herrsch­te, nicht wirk­lich mit­be­kom­men hat­te.“ Weit fah­ren hät­te Ilse Alten­brunn nicht müs­sen, wenn sie nach Her­les­hau­sen gewollt hät­te. Doch an dem Wochen­en­de der Grenz­öff­nung woll­te sie noch nicht direkt in den Wes­ten. „Ich habe die Tie­re ver­sorgt und dach­te, dass die jun­gen Leu­te erst­mal fah­ren sol­len. Ich habe mich zunächst hier in War­tha gefreut“, erzählt Ilse. Erst eini­ge Wochen spä­ter; zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr, besuch­te sie den Wes­ten. Ihr Leben in Unauf­fäl­lig­keit hat sie all die Jah­re geprägt. Trotz ihrer Freu­de über die Grenz­öff­nung, spür­te sie eben schon bald, dass mit dem Zer­fall der DDR, auch die „neu­en Sor­gen auf­ka­men“.

Längst hält kein Zug mehr in War­tha. Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung wur­de der Bahn­hof geschlos­sen und nur ein gro­ßes Stra­ßen­schild vor dem Orts­ein­gang erin­nert noch an die Gren­ze, die vie­le Jah­re lang Ost und West trenn­te. Auch wenn das klei­ne Dorf im letz­ten Jahr­hun­dert stän­dig wech­seln­de Sys­te­me und Geset­ze über sich erge­hen las­sen muss­te, so war es wegen sei­nes Bahn­ho­fes weit über das Wer­ra­tal hin­aus bekannt. Für Ilse Alten­brunn war es aber vor allem eines: „War­tha, das ist eben ein­fach Hei­mat.“


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