Guter Wil­le – schäd­li­che Hil­fe

Die Kul­tu­ren Tan­sa­ni­as ken­nen­ler­nen und dabei Gutes tun? Das ermög­li­chen Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie „Hil­fe für die Mas­sai“ und das „Vol­un­te­ers Abroad Pro­gram“ des Inter­na­tio­na­len Bun­des Abiturient*innen. Die soli­da­ri­schen Absich­ten haben teil­wei­se fata­le Fol­gen.

Text: Gre­sa Ade­mi, Janet Iro­e­zi, Loui­sa Mül­ler, Zoe Rüschen­schmidt, Ilka Doro­thea Schnel­le

ein­steins. Fea­ture

Haupt­sa­che nach Afri­ka. Das dach­te sich Julia, heu­te 25 Jah­re alt, vor sie­ben Jah­ren nach dem Abitur. War­um, weiß sie nicht genau. Doch irgend­wie erschien es ihr sinn­voll, Men­schen zu hel­fen. Des­we­gen bewarb sie sich 2013 bei „Co-Workers Inter­na­tio­nal“ (CWI) für einen Frei­wil­li­gen­dienst. CWI ist eine christ­li­che Orga­ni­sa­ti­on, die jun­ge Men­schen an Hilfs­pro­jek­te in der gan­zen Welt ver­mit­telt. Julia ent­schied sich bewusst für die Orga­ni­sa­ti­on, weil der christ­li­che Glau­be eine wich­ti­ge Rol­le in ihrem Leben spielt. Sie lan­de­te in Mal­am­bo, Tan­sa­nia. Ins­ge­samt war sie elf Mona­te dort. Sie hat­te nur vage Vor­stel­lun­gen, was sie auf dem Kon­ti­nent erwar­ten wür­de. Und ein paar Asso­zia­tio­nen, die ihr Bauch­schmer­zen berei­te­ten.

Vor Ort merk­te sie jedoch schnell: Die Rea­li­tät sieht anders aus. Anstel­le von pri­mi­ti­ven Krie­gern traf sie offe­ne, herz­li­che Men­schen. „Die Einwohner*innen Mal­am­bos leben vor der Haus­tür“, erzählt Julia. Jeder ken­ne sei­ne Nachbar*innen. Sonn­tags put­zen sich die Men­schen für den Got­tes­dienst her­aus, die Frau­en stak­sen auf hohen Schu­hen durch den Sand. Ein Groß­teil der Mas­sai ist inzwi­schen christ­lich. Julia stell­te schnell fest, dass der christ­li­che Glau­be einen wesent­li­chen Bestand­teil des all­täg­li­chen Lebens in Mal­am­bo aus­macht. Vor allem auf das Rol­len­ver­ständ­nis habe er einen gro­ßen Ein­fluss. „Män­ner schla­gen ihre Frau­en nicht mehr, weil sie erken­nen, dass auch sie wert­voll sind“, sagt Julia. Sie ist der Mei­nung, dass die Orga­ni­sa­ti­on das Rich­ti­ge tut. Denn mit ihrer Hil­fe wer­den nicht nur Kin­der geimpft und Brun­nen gebaut. Die Volontär*innen fah­ren sogar mit Pfar­rern in nahe­ge­le­ge­ne Dör­fer, um die Men­schen über den christ­li­chen Glau­ben auf­zu­klä­ren.

„Hil­fe für die Mas­sai“ ist ein deut­sches Ent­wick­lungs- und Bil­dungs­pro­jekt in Tan­sa­nia, das sich aus ehren­amt­li­chen Mit­glie­dern zusam­men­setzt. Nach Anga­ben des Ver­eins ist ein Lei­tungs­kreis – bestehend aus Tansanier*innen – maß­geb­lich an den Ent­schei­dun­gen im Land betei­ligt. In den letz­ten neun Jah­ren sei die Anzahl der fest­an­ge­stell­ten tan­sa­ni­schen Mitarbeiter*innen von 20 auf über 70 gestie­gen. Neben Bil­dung, medi­zi­ni­scher Hil­fe und Frau­en­grup­pen gehört die Evan­ge­li­sa­ti­on der ost­afri­ka­ni­schen Volks­grup­pe zu den Haupt­auf­ga­ben des Ver­eins. „Durch das Evan­ge­li­um von Jesus Chris­tus erfah­ren die Mas­sai eine gro­ße Kraft und eine neue Frei­heit, die ihr Leben ver­än­dert“, heißt es auf der Web­sei­te des Ver­eins. Im Wer­be­film der Orga­ni­sa­ti­on wird der Ein­druck ver­mit­telt, dass Afrikaner*innen ihre Pro­ble­me nicht selbst lösen könn­ten. Sie wer­den als Hilfs­be­dürf­ti­ge dar­ge­stellt, die dar­auf war­ten, dass wei­ße Men­schen sie ret­ten und ihre Lage ver­bes­sern: Ein Phä­no­men, das auch unter dem Begriff White Savio­rism bekannt ist.

Das Video par­odiert Wer­be­vi­de­os von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen aus Tan­sa­nia

Das unter wei­ßen und pri­vi­le­gier­ten Men­schen ver­brei­te­te Bedürf­nis, im fer­nen Afri­ka etwas zu ver­än­dern, treibt den Ver­ein „Hil­fe für die Mas­sai“ und vie­le ande­re deut­sche Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen an. Sarah Fry­kow­ski von „Hil­fe für die Mas­sai“ schreibt in einem State­ment gegen­über ein­steins. : „Sicher sind wir als rei­che Euro­pä­er leich­ter in der Gefahr, mit Geld eine schnel­le Hil­fe gegen das augen­schein­li­che ‚Elend‘ unter­neh­men zu wol­len. Wir soll­ten Mate­ri­el­les, Zeit, Wis­sen und so wei­ter mit ande­ren tei­len – in Deutsch­land aber auch welt­weit.“ Der Ver­ein ver­su­che seit 24 Jah­ren, die Mas­sai durch Bil­dung dazu zu befä­hi­gen, ihr Leben selbst zu gestal­ten.

Die soli­da­ri­schen Absich­ten sind nicht immer posi­tiv. „Vie­le Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen scha­den mehr, als dass sie nüt­zen“, sagt der Ent­wick­lungs­öko­nom Axel Dre­her von der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg. Von 2015 bis 2017 belie­fen sich die deut­schen staat­li­chen Mit­tel für Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit auf etwa 160 Mil­lio­nen Euro. Eine Sum­me, mit der eigent­lich viel erreicht wer­den könn­te. Statt­des­sen wer­den Hilfs­gel­der Dre­her zufol­ge meis­tens für frei­wil­li­ge Helfer*innen ein­ge­setzt: „Man soll­te damit Sinn­vol­le­res anfan­gen, zum Bei­spiel vor Ort Unter­neh­men grün­den.“

„Der Schrei­ner hat sinn­vol­le Arbeit geleis­tet – so wie wir alle.“

Wäh­rend ihres Auf­ent­halts in Tan­sa­nia zwei­fel­te Julia nie dar­an, dass ihre Arbeit sinn­voll ist. Sie unter­rich­te­te als Lehr­as­sis­ten­tin an einer Schu­le Eng­lisch und hat­te dadurch das Gefühl, den Kin­dern eine Zukunft bie­ten zu kön­nen. Und trotz­dem schoss ihr im Klas­sen­zim­mer oft die Fra­ge „Was mache ich da eigent­lich?“ durch den Kopf. Sie fühl­te sich manch­mal über­for­dert, muss­te selbst krea­tiv wer­den und sich über­le­gen, wie sie die Kin­der unter Kon­trol­le behält. Wenn sie nicht als Lehr­as­sis­ten­tin tätig war, schlüpf­te sie manch­mal in die Rol­le der „Kran­ken­schwes­ter“ und behan­del­te klei­ne­re Ver­let­zun­gen – ein Ers­te-Hil­fe-Kurs war kein Bestand­teil des Vor­be­rei­tungs­se­mi­nars in Deutsch­land. In Tan­sa­nia waren auch Frei­wil­li­ge vor Ort, die bereits eine Aus­bil­dung abge­schlos­sen hat­ten und ihre Kennt­nis­se ein­set­zen konn­ten, zum Bei­spiel ein Schrei­ner, der Möbel repa­rier­te. „Er hat sinn­vol­le Arbeit geleis­tet – so wie wir alle“, sagt Julia.

Der Glau­be, in einem Land wie Tan­sa­nia auch ohne fach­li­che Vor­kennt­nis­se hel­fen zu kön­nen, ist nicht nur weit ver­brei­tet. Er hat sich inzwi­schen sogar zu einem Trend ent­wi­ckelt, dem soge­nann­ten Vol­un­tou­ris­mus. Dabei wird kurz­zei­ti­ge Frei­wil­li­gen­ar­beit mit einer Erleb­nis­rei­se in ein fer­nes Land ver­knüpft. Das stellt Dre­her zufol­ge eine Gefahr für die Wirt­schaft und die Ent­wick­lungs­po­li­tik dar: „Frei­wil­li­ge neh­men Ein­hei­mi­schen oft Arbeits­plät­ze weg und zer­stö­ren den Markt, indem sie euro­päi­sche Pro­duk­te in das Ent­wick­lungs­land schi­cken.“ Laut einer Stu­die des „Evan­ge­li­schen Werks für Dia­ko­nie und Ent­wick­lung“ sowie der Orga­ni­sa­ti­on „Brot für die Welt“ aus dem Jahr 2018 ist die Kin­der­be­treu­ung ein wich­ti­ger Bestand­teil von Vol­un­tou­ris­mus-Pro­jek­ten. Das kann eben­falls zu Pro­ble­men füh­ren. Die stän­dig wie­der­keh­ren­de Abrei­se von lieb gewon­ne­nen Frei­wil­li­gen stel­le laut der Stu­die einen Risi­ko­fak­tor für emo­tio­na­le Trau­ma­ta bei den Kin­dern dar. „Hil­fe für die Mas­sai“ neh­me des­we­gen nur Langzeitvolontär*innen, die min­des­tens elf Mona­te vor Ort sind. Fry­kow­ski schreibt: „Wir neh­men Kurz­zeit­vo­lon­tä­re nur in Aus­nah­me­fäl­len auf.“ Die Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on CWI, über die sich Julia bewor­ben hat, defi­niert einen elf­mo­na­ti­gen Frei­wil­li­gen­dienst auf ihrer Web­sei­te als Kurz­ein­satz. Für einen Lang­zeit­ein­satz müs­sen Bewerber*innen min­des­tens 22 Jah­re alt sein und eine abge­schlos­se­ne Berufs­aus­bil­dung sowie „soli­de Berufs­er­fah­rung“ vor­wei­sen. Für Kurz­ein­sät­ze müs­sen ange­hen­de Helfer*innen beim Bewer­bungs­ver­fah­ren vie­ler Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen kei­ne oder wenig Erfah­run­gen im päd­ago­gi­schen Bereich vor­wei­sen.

Meh­re­re klei­ne Läden in dem Dorf Mwi­ka, das an der Gren­ze zu Kenia liegt.

Lau­ra, 21, muss­te vor ihrer Rei­se nach Tan­sa­nia ein ein­wö­chi­ges Prak­ti­kum im Lehr­be­reich absol­vie­ren. Sie bewarb sich 2017 für einen Frei­wil­li­gen­dienst in Afri­ka über das Pro­gramm „welt­wärts“ des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung. Im Deutsch­un­ter­richt für Geflüch­te­te sam­mel­te sie ers­te Ein­drü­cke, wie ihre Auf­ga­ben in Mwi­ka aus­se­hen könn­ten.

Lau­ra über ihre Vor­be­rei­tung auf die Arbeit in Tan­sa­nia

Trotz des Ein­blicks in die Arbeit als Lehr­as­sis­ten­tin habe sie sich unvor­be­rei­tet gefühlt. Eine Aus­bil­dung im päd­ago­gi­schen Bereich fehlt ihr. In Mwi­ka unter­rich­te­te sie für das „Vol­un­te­ers Abroad Pro­gram“ des Inter­na­tio­na­len Bun­des (IB VAP) Grund­schul­kin­der im Alter von neun bis 13 Jah­ren im Fach Sport. Außer­dem unter­stütz­te sie die Schwar­zen Lehr­kräf­te im Eng­lisch­un­ter­richt. Wäh­rend des acht­mo­na­ti­gen Auf­ent­halts bau­te sie kei­ne beson­ders enge Bin­dung zu den tan­sa­ni­schen Kin­dern auf. Es sei bei einem nor­ma­len Lehrer*in-Schüler*in-Verhältnis geblie­ben. Der Abschied – unaus­weich­lich und trau­rig. Lau­ra hat zu kei­nem der Kin­der mehr Kon­takt.

Als sie sich bei „welt­wärts“ bewarb, war ihr vie­les noch nicht bewusst. In ihrem acht­tä­gi­gen Vor­be­rei­tungs­kurs wur­de, nach Anga­ben der Orga­ni­sa­ti­on IB VAP, unter ande­rem White Savio­rism the­ma­ti­siert. Aber erst durch ihre Erfah­run­gen in Tan­sa­nia hat sie begon­nen, nicht nur ihr eige­nes Ver­hal­ten zu hin­ter­fra­gen, son­dern auch die Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Die Orga­ni­sa­ti­on CWI regt die Frei­wil­li­gen eben­falls wäh­rend der Vor­be­rei­tungs­se­mi­na­re dazu an, ihre Rol­le zu reflek­tie­ren. Das Ver­hält­nis zwi­schen Schwar­zen und wei­ßen Men­schen spie­le für die Ent­wick­lungs­hil­fe aber kei­ne Rol­le, meint Julia.
Lau­ra sagt heu­te: „Das ist teil­wei­se eine Ver­schwen­dung von Ent­wick­lungs­gel­dern, weil man unaus­ge­bil­de­te, jun­ge Men­schen dort­hin sen­det.“ Für sie sei der Frei­wil­li­gen­dienst eine unver­gess­li­che Erfah­rung gewe­sen. Sie habe Men­schen ken­nen­ge­lernt, die sie ohne IB VAP nie getrof­fen hät­te. Inter­kul­tu­rel­ler Aus­tausch, den auch Julia in Mal­am­bo erlebt hat, dür­fe laut Lau­ra aber nicht von Ent­wick­lungs­gel­dern finan­ziert wer­den.

nach­hal­ti­ge Ent­wick­lungs­hil­fe

Eine Alter­na­ti­ve zu den Frei­wil­li­gen­diens­ten sei laut Dre­her die direk­te Bud­gethil­fe an Regie­run­gen – aber nur, wenn die­se über ein Min­dest­maß an „Good Gover­nan­ce“, also bei­spiels­wei­se die Abwe­sen­heit von Kor­rup­ti­on, ver­fü­gen. Die­se Art von Ent­wick­lungs­hil­fe ist jedoch nicht in jedem Land sinn­voll.

Zu unse­rer Recher­che

Bei den Zoom-Mee­tings des Teams vom Bild­schirm ver­schwin­den – Check. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form Teams nicht mehr aktua­li­sie­ren kön­nen – Check. Zoom-Inter­views mit schlech­ter Qua­li­tät auf­neh­men – lei­der auch Check (wir ent­schul­di­gen uns dafür). Unse­re schlech­te Inter­net­ver­bin­dung hat uns in Zei­ten der Coro­na-Pan­de­mie mehr als ein­mal her­aus­ge­for­dert.

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