Kommunale Finanzkrise trifft auch Ingolstadt
Bericht & Kommentar
Deutsche Kommunen befinden sich in einer historischen Krise. 2025 ermittelte das Statistische Bundesamt mit 31,9 Milliarden Euro das höchste kommunale Finanzierungsdefizit seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990. Die Folgen sind Sparmaßnahmen, die besonders soziale und kulturelle Einrichtungen treffen, wie ein Sprecher des Kulturamts im Interview mit einsteins erklärt.
Eine dieser Kommunen ist die Audi-Stadt Ingolstadt, der in diesem Jahr insgesamt 80 Millionen Euro im Haushalt fehlen. Die Konsequenz: ein nicht genehmigter Haushaltsplan für das Jahr 2026, massive Sparmaßnahmen und Kreditaufnahmen. Außerdem müssen nun alle Ausgaben und Investitionen überdacht und geprüft werden. Zuerst wird vor allem bei den freiwilligen Leistungen der Stadt gekürzt, die – anders als die Pflichtaufgaben der Kommunen – nicht gesetzlich verpflichtend sind. Unter diese freiwilligen Leistungen fallen typischerweise der Kultur- und Sportbereich, aber auch Aspekte wie Umweltschutz.
„An der Gewerbesteuer hängt ein Großteil der Finanzierungskraft und wenn die wegbricht, dann geht’s der Kommune schlecht.“
Krise in der Automobil-Branche trifft Ingolstadt
Ursache für die Finanzierungsschwierigkeiten ist die Krise in der Automobilbranche, die VW-Tochter Audi stark betrifft. Der Hersteller hat seinen Sitz in Ingolstadt und gilt seit Jahrzehnten als Wachstumsmotor der Region. Wie die sinkenden Gewinne von Audi mit der fehlenden Finanzierung der Stadt Ingolstadt zusammenhängen, erklärt Christoph Rehrl, Doktorand am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt: „An der Gewerbesteuer hängt ein Großteil der Finanzierungskraft und wenn die wegbricht, dann geht’s der Kommune schlecht.“
Die Gewerbesteuer wird auf den Gewinn eines Unternehmens erhoben und an die Gemeinden, in denen das Unternehmen Betriebsstätten hat, gezahlt. Aktuell rechnet Ingolstadt mit 70 Millionen Euro für 2026. Ein starker Rückgang im Vergleich zu den Einnahmen aus der Gewerbesteuer von vor zehn Jahren, die fast 170 Millionen Euro betrugen. „Dies macht die Finanzierung der Stadt umso kritischer, insbesondere da die Kosten, wie Energiepreise und Baukosten, stärker gestiegen sind als die allgemeine Inflationsrate“, sagt Rehrl.

Foto: Emilia Ziebura
Viele Fachleute kritisieren, dass die Gewerbesteuer momentan aufgrund ihres hohen Aufwandes und ihrer Krisenanfälligkeit reformbedürftig ist, betont Rehrl. Alternativkonzepte gebe es bereits. Zum Beispiel sei es vorstellbar, die Gewerbesteuer ganz abzuschaffen oder dem Bund zu überlassen. Dafür könnte der Prozentsatz der Einkommensteuer, die den Kommunen zusteht, erhöht werden, wodurch die Kommunen mehr Planungssicherheit bekämen. Laut Christoph Rehrl bestehen bereits seit Jahrzehnten Bestrebungen, das Konzept der Gewerbesteuer zu ändern. Bisher erhielten diese Alternativkonzepte allerdings noch keine Zustimmung vonseiten der Kommunen.
Abhilfe schaffen soll nun zunächst ein Milliardenpaket, das der Freistaat Bayern für 2026 verabschiedet hat. Demnach sollen die bayerischen Kommunen dieses Jahr 12,8 Milliarden Euro bekommen. Für die kulturellen und sozialen Einrichtungen bedeutet das jedoch keine kurzfristige Entlastung: Ingolstadt muss weiterhin sparen.
Sorgenkind Ingolstadt
Wagen wir eine kurze Zeitreise in den Dezember nächsten Jahres.
Auf dem Christkindlmarkt liegt der Geruch von gebrannten Mandeln in der Luft und Kinderlachen erfüllt die Innenstadt. Wohlig hält man seine warme Tasse Glühwein zwischen den Handschuhen und lässt den Blick schweifen, um dort – ein riesiges, leeres Betongebäude mit Bauzäunen drum zu sehen. Es ist das alte Stadttheater, verwaist, im Stich gelassen und kaputtgespart. Im Augenwinkel sucht man den Platz nach dem vertrauten Weihnachtsbaum ab. Doch dieser… fehlt. Die Stelle in der Mitte des Theaterplatzes, wo vor ein paar Jahren noch ein prächtig geschmückter Baum stand, ist leer.
Dass diese trostlose Zukunft für den Ingolstädter Christkindlmarkt eintreten wird, ist, wenn kein Weihnachtswunder geschieht, schon jetzt vollkommen sicher. Das Stadttheater hat dieses Schicksal schon jetzt ereilt. Der Grund: die extremen Sparmaßnahmen, die dafür sorgen, dass Ingolstadt seit etwa drei Jahren jeden Cent zweimal umdrehen muss. Die Folgen: katastrophal, besonders für Einrichtungen im sozialen und kulturellen Bereich.

Foto: Emilia Ziebura
Verpasste Sanierung kostet Ingolstadt sein Stadttheater
Im Blick der Öffentlichkeit steht dabei besonders das Stadttheater, vor dem jedes Jahr der Christkindlmarkt stattfindet. Das Gebäude aus den 1960ern war schon seit Jahren dringend sanierungsbedürftig und hatte nun, am 31. Mai, seine letzte Aufführung im Hauptsaal. Schon lange wurde um das Stadttheater gestritten und die Sanierung immer weiter hinausgezögert. Jetzt ist es zu spät, denn Ingolstadt hat noch nie zuvor so mit dem eigenen Haushalt gerungen. Dies führte dazu, dass der Haushalt für dieses Jahr gar nicht erst genehmigt wurde. Ein grundlegendes Problem, da es für viele Einrichtungen nun um die Existenzfrage geht. Neben den großen Aufregern wie dem Stadttheater, werden dabei oft die kleineren Einrichtungen vergessen. So geht es auch den Jugendhäusern, Altenheimen, Sozialstationen, Wildparks, Grünanlagen, Schwimmbädern und vielen anderen gemeinnützigen Einrichtungen an den Kragen. Egal wohin man den Blick in Ingolstadt richtet, die Sparmaßnahmen sind unübersehbar.

Foto: Emilia Ziebura
Gespart wird vor allem bei den „freiwilligen Aufgaben“ der Stadt. Dabei sind soziale und kulturelle Einrichtungen keine „Spaßausgaben“. Klar haben Schulen und Kitas, die bei diesen Sparplänen oft zurecht bevorzugt werden, eine höhere Priorität als beispielsweise das Stadttheater. Allerdings fällt mit dem Stadttheater nun auch der Festsaal im Hämer-Bau weg, wodurch für Schulen ein zentraler Veranstaltungsort wegbricht und dem „Jungen Theater“ die Spielstätte genommen wird. Kultur und Bildung gehören zusammen und Kürzungen oder gar das Verschwinden des einen bedeuten großen Schaden für das andere. Und noch einmal weitergedacht: Auch für Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in Ingolstadt integrieren möchten, ist die Schließung ein Schlag ins Gesicht. Auch den interkulturellen Spielclub wird es jetzt nämlich nur noch in einer extrem reduzierten Form geben.
Kultur ist überlebenswichtig für eine Gesellschaft und sollte nie als erste „Sparmaßnahme“ angegriffen werden. Stattdessen braucht es Alternativen zur Gewerbesteuer, die den Kommunen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mehr Planungssicherheit geben. Ob das Stadttheater 2030 immer noch leer stehen wird? Mit Sicherheit. Zumindest, wenn es so weitergeht wie bisher. Denn sofern die Stadt ihre Strategie nicht ändert, werden andere Angebote dem traurigen Beispiel des Stadttheaters folgen müssen. Das wäre ein Verlust – für die Stadt, die Gemeinschaft und jeden Einzelnen.
Bevor meine Gruppe und ich auf Recherche in Ingolstadt gingen, informierte ich mich für diesen Text zuerst ausschließlich online und über die Artikel des Donaukuriers. Als wir dann tatsächlich vor Ort waren und die Schließung des Stadttheaters miterlebten, verstand ich erst richtig, was hinter den Zahlen und den fehlenden Millionen Euro steckte. Nämlich Menschen, die ihren Job, ihre Leidenschaft oder einfach ihre Freizeitbeschäftigung verloren, da sich Ingolstadt viele der teuren kulturellen und sozialen Einrichtungen nun nicht mehr leisten kann. Die Sparmaßnahmen betreffen den Alltag vieler Einwohner*innen in Ingolstadt und sind nicht nur rote Zahlen auf Papier. Das hat mich während dieser Recherche am meisten beeindruck