Zukunft von ARD und ZDF: Wo die Reformen ansetzen müssen 

Darstellungsform Interview

einsteins: Frau Prof. Dr. Sehl, wenn wir über die Zukunft des Journalismus sprechen, sehen wir uns mit rasanten Entwicklungen konfrontiert. Wenn Sie auf die Medienlandschaft der nächsten zehn Jahre blicken, welche strukturellen Veränderungen im Journalismus schätzen Sie als die radikalste ein?

Prof. Dr. Annika Sehl: Niemand kann die Zukunft genau vorhersagen. Doch bereits heute zeichnet sich ab, dass Künstliche Intelligenz den Journalismus grundlegend verändern könnte. Ihr Einfluss reicht über den gesamten Produktionsprozess – von der Themenfindung und Recherche über die Erstellung von Inhalten bis hin zur personalisierten Verbreitung.

einsteins: Das Publikum ist heute kein reiner Empfänger mehr, sondern agiert in einer Wechselwirkung. Wie muss sich das journalistische Selbstverständnis verändern, um dieser neuen Rolle des Publikums gerecht zu werden?

Prof. Dr. Annika Sehl: In den vergangenen Jahren hat die Partizipation des Publikums nach meiner Beobachtung wieder an Bedeutung gewonnen. Im Mittelpunkt steht heute vor allem der Dialog mit dem Publikum, oft außerhalb digitaler Räume im direkten persönlichen Austausch. Diese Entwicklung ist folgerichtig. Journalismus muss seinen gesellschaftlichen Wert heute stärker vermitteln, während gleichzeitig gesellschaftliche Polarisierungstendenzen zunehmen. Moderierte Diskussionen und der Dialog mit dem Publikum werden deshalb für Medienorganisationen immer wichtiger. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist dieser Dialog inzwischen sogar rechtlich verankert. Im Reformstaatsvertrag wurde der Dialog mit der Gesellschaft ausdrücklich festgeschrieben. 

einsteins: Sie waren Mitglied im Zukunftsrat. Welches ist aus Ihrer Sicht das drängendste Problem, das die öffentlich-rechtlichen Sender lösen müssen, um zukunftsfähig zu bleiben?

Prof. Dr. Annika Sehl: Wir haben im Zukunftsrat gesagt: Die Öffentlich-Rechtlichen müssen effizienter werden, digitaler werden und ihren Auftrag noch besser erfüllen. Beim Thema Effizienz ging es aus unserer Sicht vor allem darum, Mehrfachstrukturen abzubauen, vor allem in programmfernen Bereichen. Die stärkere Ausrichtung auf digitale Angebote ist insbesondere wichtig, um jüngere Zielgruppen zu erreichen, die Medien heute überwiegend digital nutzen. Zugleich ist sie eine grundlegende Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ebenso wichtig ist, dass die öffentlich-rechtlichen Angebote den Auftrag überzeugend erfüllen und sich dadurch klar von anderen Medienangeboten unterscheiden. 

einsteins: Da lineare Sender junge Zielgruppen kaum noch erreichen: Über welche digitalen Wege kann der ÖRR überhaupt noch einen gemeinsamen gesellschaftlichen Raum für die junge Generation schaffen?

Prof. Dr. Annika Sehl: Verständigung gelingt heute auch dann, wenn wir uns über unterschiedliche Ausspielwege informieren – etwa über Mediatheken, Nachrichten-Apps oder sogar die Social-Media-Kanäle von Nachrichtenangeboten. Entscheidend ist, dass wir gemeinsame Themen haben, über die ein gesellschaftliches Gespräch möglich ist und die gesellschaftliche Integration fördern.

einsteins: Der ÖRR steht unter starkem Rechtfertigungsdruck. Wie müsste ein zeitgemäßes Finanzierungsmodell aussehen, das sowohl die Unabhängigkeit sichert als auch die gesellschaftliche Akzeptanz erhöht?

Prof. Dr. Annika Sehl: Mit Blick auf die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gibt es in Deutschland die Haushaltsabgabe. Deren Höhe wird von der unabhängigen Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) vorgeschlagen. Dieses Verfahren soll einerseits ein Höchstmaß an politischer Unabhängigkeit gewährleisten und andererseits sicherstellen, dass die Anstalten wirtschaftlich und sparsam arbeiten. Im Vergleich zu anderen Finanzierungsmodellen hat dieses System einige Vorteile. In manchen Ländern wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk beispielsweise über Steuermittel finanziert. Auch dort tragen die Bürgerinnen und Bürger letztlich die Kosten, wenn auch weniger direkt wahrnehmbar. Gleichzeitig kann, je nach Ausgestaltung des Systems, das Risiko politischer Einflussnahme über die Finanzierung größer sein. Die Haushaltsabgabe soll in Deutschland gerade dazu beitragen, die Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu sichern. Allerdings zeigt sich in den vergangenen Jahren, dass dieses Verfahren nicht mehr reibungslos funktioniert.

Zudem wissen wir, dass die Nutzung der Angebote und die wahrgenommene Qualität einen positiven Einfluss auf die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung haben. Daraus ergibt sich eine klare Aufgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Er muss effizient arbeiten, digital gut aufgestellt sein und seinen Auftrag überzeugend erfüllen. Entscheidend ist, den Menschen Angebote zu machen, in denen sie sowohl einen persönlichen als auch einen gesellschaftlichen Mehrwert erkennen. Angebote, die sie gerne nutzen und auf die sie nicht verzichten möchten.  

einsteins: Wie kann sich der öffentlich-rechtliche Journalismus im Netz klar von privaten Medien und globalen Plattformen abgrenzen, ohne an Relevanz zu verlieren?

Prof. Dr. Annika Sehl: Wesentlich ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk gute Arbeit leistet und zugleich vermittelt, worin seine Leistungen bestehen. In einer Zeit zunehmender Polarisierungstendenzen und Desinformation kann er – sofern er das Vertrauen großer Teile der Bevölkerung behält – eine wichtige Orientierungsfunktion erfüllen: durch verlässliche Recherche, die Einordnung und Überprüfung von Informationen, den Austausch unterschiedlicher Perspektiven sowie Angebote auf eigenen Plattformen, die nicht den Logiken kommerzieller Algorithmen folgen. Auch die Idee einer gemeinwohlorientierten Plattform als Alternative zu den kommerziellen Plattformen sind in diesem Zusammenhang ein Thema, das aktuell diskutiert wird. 

einsteins: Sie erwähnen, dass konservativen Positionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mitunter mehr Raum gegeben werden sollte. Könnte man diesem Defizit gezielt durch mehr personelle Diversität begegnen, beispielsweise, indem man vermehrt Journalist*innen aus konservativen Milieus einstellt? Die empirische Medienforschung, wie die jüngste Journalismusbefragung der TU Dortmund oder frühere surveys der Universität Hamburg, zeigt ja regelmäßig, dass konservative Werthaltungen im Berufsstand deutlich unterrepräsentiert sind. Auch ARD-interne Umfragen unter dem eigenen Nachwuchs bestätigen oft eine starke Tendenz nach links-grün.

„Transparenz ist ohnehin wichtig, auch unabhängig von Fehlern. Sie trägt dazu bei, Journalismus nachvollziehbar zu gestalten.“

Prof. Dr. Annika Sehl

Prof. Dr. Annika Sehl: Eine Studie von Marcus Maurer und Kollegen an der Universität Mainz zeigt, dass die Behauptung, die Nachrichtenformate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seien im Vergleich zu anderen Medien besonders einseitig, insgesamt nicht zutrifft. An einzelnen Stellen wird allerdings angemahnt, konservativen und marktliberalen Positionen mehr Raum zu geben. Grundsätzlich ist es aber wichtig, den Menschen zuzuhören, die teilweise auch sehr berechtigte Kritik äußern, und mit ihnen in den Dialog zu treten. Wenn Fehler passieren, ist es wesentlich, diese einzugestehen, transparent aufzuarbeiten und gegebenenfalls Konsequenzen für das Qualitätsmanagement zu ziehen. 

einsteins: Kann man den Vorwürfen einer Einseitigkeit des ÖRR durch eine Diversität entgegensetzen, in dem man gezielt Journalistinnen und Journalisten aus konservativen Milieus einzustellen? 

Prof. Dr. Annika Sehl: Man kann nicht zwangsläufig von den politischen Einstellungen von Journalistinnen und Journalisten auf die Berichterstattung schließen. Grundsätzlich gilt jedoch, dass Diversität in Redaktionen, etwa hinsichtlich Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund oder sozioökonomischer Herkunft, nicht immer in dem Maße vorhanden ist, wie es wünschenswert wäre. Das kann dazu führen, dass sich in Redaktionen zu schnell ein Konsens herausbildet und andere Perspektiven zu wenig berücksichtigt werden. Deshalb ist es wichtig, eine Kultur der lebendigen Diskussion innerhalb der Redaktionen zu fördern und unterschiedliche Sichtweisen aktiv einzubeziehen. Ebenso wichtig ist es, dass Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen den Journalismus als attraktiven Beruf wahrnehmen.

einsteins: Wenn Sie die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einem Satz zusammenfassen müssten, wie würde dieser lauten? 

Prof. Dr. Annika Sehl: Was ich mir wünsche, ist, dass er auch künftig eine Relevanz für die breite Gesellschaft hat, weil öffentlich-rechtliche Medien wesentlich zu einer demokratischen Gesellschaft beitragen können. Dazu ist Unabhängigkeit und Verlässlichkeit wichtig und dass die öffentlich-rechtlichen Medien gerne genutzt werden und damit individuellen wie gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, wie auch immer das technisch künftig aussehen wird.