Leid oder Liebe?

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Heute weiß Mareike H.1 (23) nicht mehr, worum es in dem Streit überhaupt ging. Wahrscheinlich wieder um eine Kleinigkeit. Ihr Partner steht vor ihr, schreit sie an, sein Gesicht ist vor Wut ganz rot, er brüllt. Dann holt er aus, seine Faust fliegt durch die Luft, zischt haarscharf an Mareikes Gesicht vorbei. Es kracht. Die Faust trifft den Schrank. Das Holz zersplittert. „In dem Moment wollte ich nur noch weg“, sagt Mareike. Ihre Stimme stockt, wenn sie von ihrem Ex-Freund erzählt. Über Monate hat sich die Beziehung immer mehr zugespitzt. Bis sie Angst bekommen hat. Bis sie es nach eineinhalb Jahren Beziehung geschafft hat, sich zu trennen. 

Ihren Ex-Freund beschreibt Mareike als ihre erste große Liebe. Der erste Mensch, für den sie so starke Gefühle hatte, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen konnte. „Bei ihm fühlte ich immer so ein Prickeln, wie Adrenalin. Sobald er da war, habe ich ihn gespürt“, berichtet sie. Anfangs sei er aufmerksam gewesen, sei viel auf sie eingegangen. „Und dann hat sich das Blatt irgendwann gewendet“, erzählt Mareike. Schon von Anfang an sei ihr Ex-Freund sehr dominant gewesen. Erst habe er immer wissen wollen, wo Mareike ist, mit wem sie sich trifft, habe sie über ihren freigegebenen Handystandort regelrecht überwacht. Dann habe er ihr verboten, sich mit ihren Freundinnen zu treffen, wollte sie von ihrer Familie isolieren.

„Ich sollte alles für ihn aufgeben“

Mareike H.
Mareike H. erlebte in ihrer toxischen Beziehung Gewalt
Symbolfoto: Lena Happacher

„Das ist ein Zeichen davon, dass er meint, er sei der Wichtigste. Sie braucht doch nichts anderes, wenn sie ihn hat“, erklärt Psychologin Jacqueline Bönisch dieses Verhalten, „ein toxischer Partner gewinnt an Selbstwert, wenn sein Opfer leidet.“ Mareike ist kein Einzelfall. 36 Prozent der deutschen Bevölkerung sind nach Angaben einer repräsentativen Umfrage der Dating-App Parship aus dem Jahr 2021 schon einmal in einer toxischen Beziehung gewesen. Eine toxische Beziehung zeichne sich dadurch aus, dass der Täter seine eigenen Bedürfnisse über alles stellt, selbst dann, wenn es seinem Partner schadet, erläutert Bönisch. 

Eine Studie der Kinderrechts- und Hilfsorganisation PLAN International zeigt, dass 34 Prozent der befragten Männer gegenüber ihrer Partnerin bereits einmal handgreiflich wurden, um sich Respekt zu verschaffen. „Der Kern dessen, was wir als toxische Männlichkeit bezeichnen, ist eine übergriffige Form von Männlichkeit. Männer, die potentiell bereit sind, Gewalt anzuwenden“, sagt Inga Maria Schütte, Gender-Studies-Lehrende an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. 

Männerbilder beeinflussen Beziehungen 

Gewalt beginnt nicht immer mit einer erhobenen Faust. „Als ich nach einem Streit im Auto darauf bestanden habe, dass er mich nach Hause fährt, hat er die Autotüren verschlossen, dass ich nicht aussteigen konnte, bis ich dann irgendwann aufgegeben habe“, erzählt Mareike. Danach seien die Streitigkeiten immer mehr eskaliert. Erst wurde sie gepackt, mit Gegenständen abgeworfen, die sie nur knapp verfehlt haben. Dann hat er ihr gedroht. „Er hat gesagt, dass er sich wegen mir umbringt, dass er gegen den nächsten Baum fährt, wenn ich nicht sofort aufhöre mich mit ihm zu streiten“, sagt Mareike. 

„Täter wissen sich oft so wenig zu helfen, dass für sie klar ist, sie müssen drohen oder Gewalt anwenden“, schildert Psychologin Jacqueline Bönisch. Dahinter stecke eigentlich die Angst, sein Gegenüber zu verlieren, der Versuch die eigenen Unsicherheiten zu kompensieren. Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden im Jahr 2024 mehr als 135.000 Frauen Opfer von partnerschaftlicher Gewalt. Nur polizeilich angezeigte Fälle wurden in die Berechnung aufgenommen. Bei Opfern führe die Angst vor dem eigenen Partner oft zur totalen Unterwerfung, sagt Bönisch. „Nach außen ist ein Partner meistens ganz groß, aber innerlich ist da oft kaum was“, erklärt die Psychologin.  

„Für meinen Ex-Freund waren allen anderen immer besser als er. Er hat sich selber immer klein gemacht. Er hat immer gesagt, er sei nicht so gutaussehend, nicht so stark, er muss noch besser werden, damit es keinen Besseren für mich geben kann“, berichtet Mareike. In der Öffentlichkeit habe sie ihm immer eine Hand auflegen müssen, jeder sollte sehen, dass sie zusammen waren. Ihr Partner habe immer Angst gehabt, dass jemand anderes sie wegschnappe, dass jemand anderes besser für sie sorgen könne. 

Gewalt äußert sich nicht immer physisch: Viele Betroffene erleben Verletzungen, die unsichtbar bleiben. 
Symbolfoto: Lena Happacher

„Klassische Rollenbilder sind durch die Emanzipation der Frau zerbrochen, der Mann ist schon lange kein reiner Versorger mehr. Und wir haben als Gesellschaft noch keine neuen Männlichkeitsbilder entworfen“, meint Inga Maria Schütte. Das verunsichere vor allem die jüngere Generation. Junge Männer seien deutlich konservativer eingestellt als ihre Väter. Vor allem Social Media trage zu einer schnellen Verbreitung eines hypermaskulinen Weltbilds bei. „Viele Influencer fangen mit harmlosen Messages an, zum Beispiel, ob man es nicht ungerecht finde, wenn Frauen einen nicht angucken? Und dann kommt man immer weiter rein“, beschreibt Schütte. Männern würde versprochen, dass sie alles schaffen könnten, wenn sie erst ein richtiger Mann sind, dass dann der Erfolg kommt. Und die Frauen.

Besitzdenken tarnt sich oft als Fürsorge

Auch Anna M.2 (22) machte die Erfahrung, wie schwer es sein kann, sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen. Sie hat ihren Ex-Freund auf einer Party kennengelernt, eine Woche später sind sie zusammengekommen. „Angefangen hat unsere Beziehung eigentlich perfekt“, sagt Anna. Ihr Partner habe ihr jede Woche Blumen geschenkt, habe alles für sie gemacht, jeder Wunsch wurde ihr erfüllt. Als Annas Partner nach zwei Jahren Beziehung für seine Ausbildung in eine andere Stadt zieht, beginnen die Probleme. „Wenn ich weggegangen bin, fand er das gar nicht toll, da wollte er, dass ich daheimbleibe. Oder er hat mir auch vorgeschrieben, was ich anziehe“, erzählt sie. Auch der Kontakt zu ihrem besten Freund wurde ihr von ihrem Ex-Freund verboten.  

„Toxische Beziehungsmuster sind schleichende Prozesse“, meint Inga Maria Schütte, „das kann damit anfangen, dass man streitet, wenn sich die Partnerin mit ihren Freundinnen trifft, oder mit anderen Männern redet.“ Oftmals führe das zur Isolation im eigenen Freundeskreis. 

Auch Anna ist oft zuhause geblieben, um einem Streit aus dem Weg zu gehen.

„Und dann hat er eigentlich alle Dinge getan, die er mir verboten hat.“

Anna M.
Anna M. erlebte in ihrer Beziehung vor allem psychische Gewalt und Love-Bombing
Symbolfoto: Lena Happacher

Er sei ständig weggegangen, habe sich mit Frauen getroffen, habe die Nachrichten seiner Freundin ignoriert. „Er hat generell aufgehört, mir Aufmerksamkeit zu geben. Immer nur so viel, wie ich gebraucht habe, um zu bleiben“, erklärt Anna, „er hat mich immer wieder bekommen, er wusste, dass er mir nur kurz das geben muss, nach dem ich mich gesehnt habe.“ Dann habe er ihr teure Geschenke gemacht, Ausflüge organisiert, ihr das Gefühl gegeben, dass er sich wieder Mühe gibt. 

„Lovebombing bedeutet, dass das Opfer erst total übertrieben auf Händen getragen wird. Was sich natürlich erst mal genial anfühlt. Um genau das dann wieder weggenommen zu kriegen“, schildert Psychologin Jacqueline Bönisch. Für Betroffene sei es zunächst sehr irritierend, wenn diese Aufmerksamkeit auf einmal wieder wegbricht. Zu groß sei die Hoffnung, dass die Beziehung wieder werden könnte wie am Anfang. Zu groß sei die Angst, sich mit keinem anderen Menschen wieder so gut zu fühlen. 

Der schwierigste Schritt: die Trennung

„Irgendwann haben wir uns eigentlich fast jeden Tag gestritten“, sagt Anna, „und dann hat er sich von mir getrennt.“ Nach der Trennung habe sie viel geweint, habe gebettelt, dass er nicht geht. „Er war mein sicherer Hafen.“, erklärt sie. Kurze Zeit später kommen sie wieder zusammen. „Zwei Wochen später habe ich dann eine Nachricht von einem Mädchen auf Instagram bekommen, dass sie meinen Freund auf einer Dating-App gematcht hat und sie seitdem schreiben“, schildert sie, „im Nachhinein glaube ich, er wollte mich bewusst eifersüchtig machen.“ Er habe es gut gefunden, dass Anna eifersüchtig ist. „Weil ich ihm so zeigen würde, dass ich ihn liebe. Für ihn war das Liebe“, sagt Anna und lacht ungläubig auf.

„Eifersucht und Macht liegen sehr eng beieinander. Wenn sich ein Partner etwas rausnimmt, das er seiner Freundin verbietet, dann demonstriert er, dass seine Bedürfnisse wichtiger sind“, erklärt Jacqueline Bönisch. Oft stecke ein kleiner Selbstwert hinter solchem Verhalten. „Er braucht Beweise, dass ihm gezeigt wird, dass er richtig und unersetzbar ist. Und das lässt ihn groß wirken“, meint die Psychologin. „Ein gesundes Männlichkeitsbild wäre, Männern zu zeigen, dass sie die Wahl haben. Wie Frauen auch. Dass sie Karriere machen können, sich aber auch um ihre Familie kümmern dürfen“, erklärt Inga Maria Schütte, „wir sind an keinem Punkt, wo wir uns auf der Gleichstellung ausruhen können, so wie wir sie momentan haben.“ Um in der Gesellschaft ein gesundes Männlichkeitsbild zu etablieren, müsse man es Männern einfacher machen, auch andere Wege einzuschlagen. Traditionelle Geschlechterbilder seien der Nährboden für die meisten toxischen Beziehungen. 

Anna habe sich verantwortlich für die Gefühle und Unsicherheiten ihres Ex-Partners gefühlt. Sie habe sich immer Sorgen gemacht und ihre Probleme hinten angestellt. „Ich habe mich in der Beziehung total verloren. Ich habe mir eingeredet, dass ich das Problem bin, dass ich einfach schwer zu lieben bin.“ Drei Trennungen hat es gebraucht, bis Anna es geschafft hat, endgültig zu gehen. „Ich bin hundert Mal glücklicher ohne ihn“, sagt sie und strahlt. Seit Kurzem hat sie wieder einen neuen Partner, führt eine gesunde Beziehung. 

„Ich wünsche mir, dass jeder Mensch für sich merkt, dass man es verdient hat, gut behandelt zu werden!“, sagt Jacqueline Bönisch. Opfer zum Schlussmachen zu bewegen könne man nicht. Den Schritt müsse die Person selbst gehen. „Man sollte mit Betroffenen in den Austausch gehen und ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind, wenn sie aus der Beziehung gehen“, rät die Psychologin.  

Auch von Mareike ist durch die Trennung eine große Last abgefallen. „Ich konnte mich auf einmal wieder mit meinen Freundinnen treffen, in den Urlaub fahren, Ausflüge mit meiner Familie machen, unterwegs sein, spontan sein!“, erzählt sie. Mareike blinzelt, schaut in die Ferne und sagt: „Ich habe endlich wieder Spaß am Leben.“ 

Meine Recherche-Erfahrung

Die Arbeit an diesem Artikel hat mich mehr beschäftigt, als ich anfangs erwartet habe. Durch die Recherche wurde mir bewusst, wie vielschichtig toxische Beziehungen sind, wie schleichend Manipulation, Kontrolle und Gewalt in Beziehungen entstehen können. Der Artikel hat meinen Blick auf Beziehungen verändert und mir gezeigt, wie wichtig es ist, sowohl über psychische als auch über körperliche Gewalt an Frauen zu sprechen. Der Mut meiner beiden Protagonistinnen, so offen mit mir über diese schweren Kapitel ihres Lebens zu sprechen, hat mich wirklich beeindruckt. Ich hoffe, dass ihre Geschichten dazu beitragen können, Verständnis für Betroffene zu schaffen und Menschen zu ermutigen, Warnsignale früh ernst zu nehmen.

Lena Happacher