Mehr als ein Band zwischen zwei Bäumen
Reportage
Ein schmales grünes Band spannt sich zwischen zwei Bäumen im Münchner Luitpoldpark, etwa zwei Meter über dem Boden. Kaum steht Luise Kühne (33) darauf, scheint sie alles ausprobieren zu wollen: Mal dreht sie sich, mal posiert sie auf einem Bein, mal hängt sie kopfüber unter der Slackline, die nackten Füße von sich gestreckt. Zwischendurch ruft sie anderen etwas zu: „Das sieht cool aus!“, lacht laut und versucht die nächste Idee.
Bevor dieses Band zu einem festen Teil ihres Lebens wird, geht es ihr um etwas ganz anderes. Mit 13 Jahren steht Luise zum ersten Mal auf einer Slackline. Eigentlich hat sie nur Zeit mit ihrem großen Bruder verbringen wollen. Der war gerade aus einem Kletterurlaub zurückgekehrt und hatte eine Slackline mitgebracht. Neben dem Spielplatz baut er sie auf und bittet seine kleine Schwester, mitzukommen. Für Luise ist das etwas ganz Besonderes. „Mein großer Bruder will was mit mir machen“, erinnert sie sich heute und wirbelt jubelnd die Hände in die Luft. Doch die gemeinsame Begeisterung hält nicht lange. Nach wenigen Wochen trainiert er lieber mit seinen Freunden. Für Luise ist das Thema erst einmal erledigt.

Foto: Winona Zschocke
Jahre später holt die Slackline sie wieder ein. 2019 schenkt ihr Bruder ihr und deren Mutter Tickets für ein Highline-Festival im polnischen Lublin. Luise hat bis dahin nur gelegentlich im Park trainiert. Von Highlines weiß sie kaum etwas. Trotzdem fährt sie mit. Heute beschreibt sie dieses Wochenende als Wendepunkt.
„Es war total abgefahren! Viel besser, viel toller, als ich mir das jemals hätte vorstellen können!“, erzählt die heute 33-jährige Luise begeistert. Lublin sei eine der schönsten Städte gewesen, die sie je besucht hat. Zwischen mittelalterlichen Gassen spannen Highliner*innen ihre Bänder von Haus zu Haus. Gleichzeitig findet ein buntes Straßenkunstfestival statt. Clowns, Feuerspuckende und Akrobat*innen bevölkern die Altstadt. Dazwischen – ein internationaler Haufen von Slackliner*innen, viele davon barfuß. „Jeder kennt sich, alle mögen sich, liegen sich dauernd in den Armen“, erinnert sich Luise verträumt, mit einem Lächeln auf den Lippen. „Da war für mich relativ klar: Okay, das will ich auch machen.“
Beim Highlining balancieren Menschen in schwindelerregender Höhe über ein schmales Band. „Viele denken sofort, dass das mega gefährlich ist“, sagt Steffen Wollschlaeger vom Deutschen Slackline Verband. Dabei sei das Bild von außen dramatischer als die Realität. Moderne Highlines sind in der Regel mehrfach gesichert aufgebaut. Selbst wenn Material versagt, greift ein Sicherungssystem. „Wenn irgendwas kaputtgeht oder reißt, ist da auf jeden Fall immer ein zweites Etwas da, das dich dann fängt“, erklärt Wollschlaeger. Die Sicherung auf einer Highline erfolgt über ein redundantes System aus Klettergurt, einer speziellen Sicherungsleine (Leash) und mindestens zwei unabhängigen Bändern.
Auf Fotos von Highlines dominiert oft der Eindruck von Höhe und Risiko. Bei Luise löst genau dieser Eindruck etwas aus, was sie selbst gut kennt. Als sie zum ersten Mal auf einer Highline steht, verkrampft sich ihr Körper so stark, wie sie es vorher noch nie erlebt hat. Dinge, die auf einer niedrigen Slackline im Park selbstverständlich sind – wie ein paar Schritte zu gehen oder das Gleichgewicht zu halten – fühlen sich plötzlich kaum noch machbar an. Gedanken, die sie unter Druck setzen, kreisen durch ihren Kopf: „Oh Gott, wenn ich jetzt nicht mehr zurückkomme, dann müssen die anderen mich retten.“
Doch genau dieser Moment sei es, der sie nicht abschrecke, sondern bei der Sportart halte. Die Angst verschwinde nicht – sie bleibe Teil der Erfahrung. Luise lernt, mit ihr umzugehen. Auch Tage, an denen sie es nicht schafft, über das gesamte Band zu balancieren, bewertet sie nicht als Scheitern. Entscheidend ist für sie nicht die saubere Überquerung, sondern das Dabeibleiben.

Foto: Philipp Knast
„Egal, wie es läuft, man hat am Ende ein Erfolgserlebnis. Man hat sich selber überwunden. Man hat es zumindest versucht.“
Je länger man mit Slackliner*innen spricht, desto häufiger fällt ein Wort: Community. Für viele scheint es der Kern des Sports zu sein. Eine offizielle, exakte Mitgliederzahl in Deutschland gibt es nicht, da der Sport überwiegend als freie Trendsportart ohne zwingende Vereinsmitgliedschaft ausgeübt wird. Nach Schätzungen des Deutschen Slackline Verbandes gehören jedoch mehrere zehntausend Personen zur Community. Die aktive Highlining-Szene schätzt Steffen Wollschlaeger dagegen auf „vielleicht 500 Personen“ – eine kleine Gruppe, zumindest auf den ersten Blick. Doch für die Mitglieder geht ihre Bedeutung weit über diese Zahl hinaus.

Foto: Winona Zschocke
Für den Experten ist genau das der entscheidende Punkt. Seit 2009 übt er den Sport bereits selbst aus. „Für mich ist das wirklich Family“, sagt er. Er meint damit ein globales Netz, das nicht über feste Strukturen funktioniert, sondern über Kontakte, Chats und gemeinsame Erlebnisse an der Slackline. Laut Steffen Wollschlaeger reiche es auf Reisen aus, eine Nachricht in eine Gruppe zu schreiben und wenig später finde man sich bei völlig fremden Menschen wieder, die einen aufnehmen, helfen und einen Schlafplatz anbieten. „Ich hab die noch nie gesehen und ich wüsste aber, dass das alles kein Problem ist“, sagt Wollschlaeger mit voller Überzeugung.
Auch Luise erzählt begeistert, dass sie sorglos auf der ganzen Welt reisen könne. „Ich kann in den Iran reisen oder in den Himalaya oder nach Russland“, zählt sie mögliche Ziele auf. „Ich würde immer jemanden finden, der sagt: ‚Hey klar, komm vorbei!‘“ Und wie Steffen Wollschlaeger wüsste sie ganz genau, dass sie bei dieser Person sicher ist.
„Du kommst da vorbei und plötzlich sind fremde Menschen deine Freunde – das ist einfach toll!
Als Luise für eine Weile in Spanien lebt, wird die Slackline schnell zum festen Treffpunkt – das Band zwischen Palmen gespannt, die Füße im warmen Sand. Menschen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten, sitzen plötzlich abends zusammen am Meer, als hätte es nie etwas anderes gegeben. In dieser Atmosphäre lernt Luise auch ihren Partner kennen. Zunächst sind sie nur befreundet, helfen sich beim Aufbau der Line und er fragt sie nach Tipps zum Sport. Heute führen die beiden eine Fernbeziehung, ein Zusammenziehen ist schon in Planung. Zu Besuch zum Slacklinen in München war er natürlich auch schon.
Jeden Mittwochabend trifft sich im Luitpoldpark eine kleine Gruppe des Münchner Slackline-Vereins. Ein Termin, der sich über die Zeit eingespielt hat. Wer kommt, variiert von Woche zu Woche. Zwischen den Bäumen über eine breite grüne Fläche haben Luise und andere aus der Community ihre bunten Slacklines gespannt, balancieren und machen kleine Kunststücke darauf. Eine Person hockt wie ein Frosch auf dem schmalen Band, ein junger Mann jongliert fünf kleine Bälle, ein anderer probiert Yoga-Posen aus. Spazierende laufen vorbei und bleiben immer wieder stehen. Einige beobachten das Geschehen interessiert, ein paar rufen anerkennend von ihrem Fahrrad ein kurzes Kompliment über den Rasen hinweg: „Sieht gut aus!“ Kinder schauen besonders neugierig und verfolgen mit großen Augen die Bewegungen der Sportler*innen.

Foto: Winona Zschocke
Solche Szenen gehören inzwischen nicht nur im Luitpoldpark zur Regel. Auch im Englischen Garten – einem der bekanntesten Treffpunkte der Slackline-Szene in Bayern – ist die Sportart längst Teil des Parkbildes geworden. Die Bayerische Schlösserverwaltung, die unter anderem für die Parkanlagen der Landeshauptstadt verantwortlich ist, begleitet diese Entwicklung seit Jahren.
Nach Einschätzung von Angelika Urbach, Pressesprecherin der Verwaltung, habe der anfängliche Boom der Sportart inzwischen nachgelassen und die Szene sei zugleich routinierter geworden. Insgesamt werde Slacklining als weitgehend unproblematische Nutzung wahrgenommen. „Die Anforderungen werden überwiegend eingehalten, und die Sportlerinnen und Sportler verfügen in der Regel über das notwendige Fachwissen und die entsprechende Umsicht“, erklärt Urbach. Entscheidend sei vor allem ein rücksichtsvolles Miteinander im Park. Dazu gehört unter anderem, Bäume sorgfältig auszuwählen und mit geeignetem Schutzmaterial zu arbeiten sowie Wege und stark genutzte Bereiche freizuhalten. So könne der Park von unterschiedlichen Gruppen gleichzeitig genutzt werden, ohne dass sie sich gegenseitig beeinträchtigen.
„Grundsätzlich erleben wir Slacklining als eine Sportart, die von vielen Passant*innen eher mit Interesse als mit Ablehnung wahrgenommen wird“, sagt die Pressesprecherin. Für die Verwaltung steht dabei im Mittelpunkt, dass die Parks als Erholungs- und Begegnungsraum für alle offen bleiben – und unterschiedliche Aktivitäten nebeneinander Platz haben.

Foto: Winona Zschocke
Luise gehört heute zu den erfahrenen Slackliner*innen. Im vergangenen Jahr lief sie gemeinsam mit sechs Personen die längste Highline Deutschlands. Darunter nur eine weitere Frau. Aktuelle Statistiken der ISA (International Slackline Association) zeigen, dass etwa 84 Prozent der organisierten Athlet*innen männlich und nur 16 Prozent weiblich sind. Daher ist Luise auf diese Leistung besonders stolz. Die Highline war 660 Meter lang, 80 bis 100 Meter hoch und wurde parallel zu der bekannten Geierlay-Hängebrücke in Rheinland-Pfalz gespannt, sodass tausende Zuschauer*innen das Geschehen aus nächster Nähe beobachten konnten. Die Überquerung schaffte Luise ohne einen einzigen Sturz – daher gehört sie nun zu den Rekordhalter*innen in Deutschland. Doch wenn sie über Slacklining spricht, erzählt sie nicht zuerst von Rekorden – diesen Punkt hat sie als letzten aufgegriffen.
Würde sie ihrem jüngeren Ich heute einen Rat geben, wäre er einfach: Dranbleiben. Nicht, um irgendwann die schwierigsten Tricks zu beherrschen, sondern weil sie dann die Gemeinschaft, die Orte und die Gefühle viel früher kennengelernt hätte. Luise steigt noch einmal auf die Slackline im Park. Das Band schwingt leicht unter ihren Füßen, sie findet ihr Gleichgewicht und läuft los. Die Arme locker angehoben, den Blick nach vorn gerichtet. Um sie herum wird geredet, gelacht und geübt. Sie dreht sich, lächelt Passant*innen zu und springt schließlich leichtfüßig ins Gras. Nebenan wartet ein Kind schüchtern darauf, es selbst einmal zu versuchen.

Foto: Winona Zschocke
Die Recherche hat bei mir genau das ausgelöst, was ich schon bei vielen Passant*innen im Luitpoldpark beobachtet hatte: die Neugier, es selbst auszuprobieren. Von außen sieht das alles erstaunlich leicht aus. Doch als ich erstmal auf dem Band stand, war jeder Schritt eine Herausforderung – ich habe gewackelt, bin ständig heruntergestiegen und ohne Hilfe nicht weit gekommen. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Statt Lachen gab es Tipps, ermutigende Worte und sofort das Gefühl, willkommen zu sein. Genau diese Mischung aus sportlicher Herausforderung und herzlicher Atmosphäre ist mir von der Recherche am stärksten in Erinnerung geblieben. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich bei der nächsten Gelegenheit nicht lange überlegen würde, es nochmal zu versuchen.