Freiheit hinter Mauern

Keusch­heit, Armut, Gehor­sam — das sind die Gelüb­de, nach denen Schwes­ter Sina-Marie im Klos­ter lebt. Mit 23 Jah­ren ent­schied sie sich für ein Leben hin­ter Mau­ern und gegen ihren Wunsch, eine Fami­lie zu grün­den. Über eine jun­ge Frau, die ihr Glück im Klos­ter sucht.


von Katharina Holzinger, Carina Irimia, Paulina Porer und Paulina Skrobanek

Schwes­ter Sina-Marie stemmt sich gegen die Ein­gangs­tü­re des Klos­ters. Das Schloss klickt, die Tür schwingt auf. Die Schwes­ter macht einen gro­ßen Schritt über die Tür­schwel­le und kneift die Augen zusam­men. Die Son­ne scheint direkt auf das pas­tell­blaue Haus mit spit­zem Dach.
Hin­ter Schwes­ter Sina-Marie fällt die Tür ins Schloss. Die Klos­ter­schwes­ter mar­schiert über die Stra­ße zu der 15 Meter ent­fern­ten Pfarr­kir­che. Mit jedem Schritt stößt sie den Stoff ihres Gewan­des, des Habits, nach vor­ne. Sie betritt die Kir­che. Ihre Augen ent­span­nen sich. Es ist kühl. Sie steu­ert den Mit­tel­gang zwi­schen den Kir­chen­bän­ken an. Jeder Schritt ihrer San­da­len hallt von der Gewöl­be­de­cke wider. Ein Knicks in Rich­tung Altar, dann schiebt sie sich seit­lich in eine der Bän­ke und kniet nie­der.

Schwes­ter Sina-Marie gehört zu den Apos­to­li­schen Schwes­tern vom hei­li­gen Johan­nes. Das Mut­ter­haus des Ordens ist das Prio­rat Saint-Hugues in Bur­gund. Im Sep­tem­ber 2014 über­nah­men die Schwes­tern des hei­li­gen Johan­nes das katho­li­sche Klos­ter im ober­pfäl­zi­schen Vel­burg von einem ande­ren Orden. Da Schwes­ter Sina-Marie aus Deutsch­land kommt, wur­de sie von ihrem Orden nach Bay­ern ver­setzt. Hier lebt sie gemein­sam mit den Schwes­tern Isaac, Cla­ris­sa und Lae­ti­tia Marie nach den drei Gelüb­den Keusch­heit, Armut und Gehor­sam. Ihre Gemein­schaft finan­ziert sich zum Groß­teil aus Spen­den und aus den Ein­nah­men ihres Gäs­te­hau­ses.

In ihrer eigenen Welt

Das Leben der Schwes­tern ist auf das Nötigs­te begrenzt. Jede hat eine Zel­le, wie sie es selbst nen­nen — ein 14 Qua­drat­me­ter gro­ßes Zim­mer, mit Bett, Schreib­tisch, Schrank und einer klei­nen Ecke mit Kru­zi­fix zum Beten. Die Schwes­tern des hei­li­gen Johan­nes gehö­ren aber nicht zu den rein kon­tem­pla­ti­ven Orden. Das bedeu­tet, die Schwes­tern dür­fen das Klos­ter in ihrer frei­en Zeit ver­las­sen. Sie gehen bei­spiels­wei­se ger­ne jog­gen oder Fahr­rad fah­ren — alles im Habit. Trotz der gelo­cker­ten Richt­li­ni­en lebt Schwes­ter Sina-Marie seit vier­zehn Jah­ren mit vie­len Ein­schrän­kun­gen.

Schwes­ter Sina-Marie führt mit ihren 37 Jah­ren ein kom­plett ande­res Leben als ihre Freun­de aus Jugend­ta­gen. Vie­le von ihnen haben bereits eine Fami­lie gegrün­det. Mit Anfang 20 stu­dier­te sie Jour­na­lis­tik und hat­te ähn­li­che Plä­ne: „Ich woll­te eher Mann und Kin­der haben, eine Fami­lie, ein ganz stink­nor­ma­les Leben füh­ren.“ Doch alles kommt anders. Dass die Ent­schei­dung, frei­wil­lig ins Klos­ter ein­zu­tre­ten, nicht für jeden ver­ständ­lich ist, kann sie aber gut nach­voll­zie­hen:

Gott kann es nicht geben

Ihr Glau­be an Gott ist für Schwes­ter Sina-Marie heu­te selbst­ver­ständ­lich. Frü­her war das anders. Bevor sie den Namen „Marie“ mit ihrem Klos­ter­ein­tritt annimmt, wächst Sina Har­tert, so ihr Geburts­na­me, in der Nähe von Stutt­gart nicht gläu­big auf. Im Jugend­al­ter beglei­tet sie Freun­de zu Ver­an­stal­tun­gen einer Frei­kir­che. Dort erlebt sie zum ers­ten Mal, wie Men­schen Gott in ihr Leben inte­grie­ren. Das bringt sie zum Nach­den­ken.

Bei einer Klas­sen­fahrt lernt Sina das fran­zö­si­sche Klos­ter, das Prio­rat Saint-Hugues in Bur­gund, ken­nen. Ein Ort, zu dem sie sofort eine Ver­bin­dung spürt. Nach dem Abitur fährt sie wie­der hier­her. Sie will Ant­wor­ten auf ihre Fra­gen über Gott. Dafür lebt sie drei Mona­te als Gast im Klos­ter.

Sina dis­ku­tiert immer wie­der mit einer Schwes­ter über die Exis­tenz Got­tes und äußert ihre Zwei­fel. Es kann ihn nicht geben. Trotz­dem geht Sina jeden Tag zu Gebe­ten und zur Mes­se. War­tet dar­auf, einen Beweis für Gott zu bekom­men und end­lich zu glau­ben. Bis sie nach zwei Mona­ten mit ihren Fra­gen zum Gene­ral­pri­or der Brü­der geht, der die Schwes­tern gera­de als Pre­di­ger besucht.

Nicht die Ant­wort, die Sina hören will. Sie ist frus­triert, will raus, braucht Platz. Er kennt sie nicht, hat doch kei­ne Ahnung, ob sie glaubt oder nicht. Sie schreit ihre gan­ze Wut bei einem Spa­zier­gang ein­fach raus.

Schweigen beim Essen, Jubel beim Fußball

Sie wuss­te es. Sina hat die Erkennt­nis, an Gott zu glau­ben, damals über­wäl­tigt. Ohne die­sen Moment wäre wahr­schein­lich alles anders ver­lau­fen.

Jetzt steht Schwes­ter Sina-Marie hier im Vel­bur­ger Klos­ter mit ihren Schwes­tern um den gedeck­ten Mit­tags­tisch. Im Sprech­chor sum­men sie ein kur­zes Gebet an den hei­li­gen Josef.

Und dann ist alles still. Sie set­zen sich. Kei­ner sagt etwas. Kei­ner darf etwas sagen. Schwes­ter Sina-Marie reicht eine Schüs­sel mit Blatt­sa­lat an Schwes­ter Cla­ris­sa. Besteck klim­pert. Schwes­ter Sina-Marie deu­tet lächelnd auf den Was­ser­krug. Nur der Stoff ihres Ärmels durch­bricht lei­se raschelnd die Stil­le. Schwes­ter Lae­ti­tia Marie beginnt eine Hei­li­gen­ge­schich­te vor­zu­le­sen, wäh­rend die ande­ren essen. Die Salat­tel­ler sind leer, die Geschich­te zu Ende. Schwes­ter Sina-Marie läu­tet ein klei­nes Glöck­chen. Einen kur­zen Moment ist es noch ruhig. Dann löst sich die Stim­mung, die Schwes­tern quat­schen durch­ein­an­der. Es gibt Hüh­ner­schnit­zel in Toma­ten-Sah­ne­so­ße mit Reis. Lei­der kei­ne Pom­mes, die isst Schwes­ter Sina-Marie am liebs­ten.

In einem Schrank neben dem Tisch steht ein schwar­zer Röh­ren­fern­se­her. Er läuft aber nur in Aus­nah­me­fäl­len: „Bei­spiels­wei­se wenn Fuß­ball kommt: Wir haben hier zwei Fuß­ball­freaks, die hocken dann vor dem Fuß­ball­spiel. Außer­halb der Gebets­zei­ten natür­lich.“ Schwes­ter Sina-Marie lacht. Auch ande­re Medi­en nutzt sie deut­lich sel­te­ner als es Men­schen außer­halb des Klos­ters in der Regel gewohnt sind. Die Schwes­tern besit­zen bei­spiels­wei­se kei­ne Han­dys. „Daher habe ich schon das Gefühl, dass ich einen gewis­sen Abstand habe und nicht immer sofort das Neu­es­te mit­krie­ge“, sagt Schwes­ter Sina-Marie.  

Denkst du nicht, dass dir immer was fehlen wird?“

Mit 22 Jah­ren steht Sina noch auf der ande­ren Sei­te der Mau­ern. Sie stu­diert im ober­baye­ri­schen Eich­stätt, ein Leben im Klos­ter kommt für sie nicht infra­ge. Doch jedes Mal, wenn sie die Kom­mu­ni­on emp­fängt, spürt sie einen Schmerz in der Herz­ge­gend. Sie sagt, es füh­le sich an, wie eine tie­fe Sehn­sucht. Damals will sie ihre Beru­fung, wie sie es nennt, noch nicht wahr­ha­ben.

Es ist ein Sonn­tag im Früh­jahr 2004. Sina sitzt in ihrem WG-Zim­mer auf dem Bett. Hin­ter ihr hän­gen ein Kru­zi­fix und ein klei­nes Mari­en­bild­chen. Sie tele­fo­niert mit einer Freun­din. Sie haben sich viel zu erzäh­len. Das letz­te Tele­fo­nat ist bereits Wochen her. Mit­ten im Gespräch erzählt Sina plötz­lich: „Du, also es geht mir zwar gut, aber ich ver­mis­se die St. Johan­nes-Gemein­schaft so.“ 

Ihre Freun­din ant­wor­tet: „Kannst du dir nicht vor­stel­len, da ein­zu­tre­ten?“ Sina über­legt. Die Freun­din fragt wei­ter: „Denkst du nicht, dass dir immer was feh­len wird, selbst wenn du jeman­den hei­ra­test und Kin­der kriegst?“ Sina fühlt sich ertappt. Jetzt wird ihr erst bewusst, dass sie bereits jede Etap­pe ihres Lebens mit der St. Johan­nes-Gemein­schaft geplant hat. Sogar ihr zukünf­ti­ger Traum­mann spricht in Sinas Vor­stel­lung Fran­zö­sisch, damit sie die Schul­fe­ri­en mit ihren Kin­dern in der Nähe des Klos­ters ver­brin­gen kön­nen.

Auch Stun­den nach dem Tele­fo­nat dre­hen sich Sinas Gedan­ken um die Wor­te ihrer Freun­din. Sie gehen ihr nicht aus dem Kopf. Auch nicht, wäh­rend sie mit einem Mönch tele­fo­niert, den sie als Gast­red­ner für ihre Uni­ver­si­tät ein­la­den will. Aus dem kur­zen Gespräch wer­den drei Stun­den. Sina erzählt ihm von ihrem Gefühls­cha­os und dem Tele­fo­nat mit ihrer Freun­din. „Ich den­ke, du hast die Beru­fung, eine Schwes­ter zu wer­den“, sagt der Mönch. Die Wor­te tref­fen Sina.

Klosterleben — mehr als Beten

Sie nimmt ihre Beru­fung an und beschließt, eine Schwes­ter zu wer­den. Heu­te lebt Schwes­ter Sina-Marie im Klos­ter. In den Zei­ten des Gebets stärkt sie ihre Bezie­hung zu Gott, sie sind fes­ter Bestand­teil ihres Lebens und neh­men die Hälf­te des Tages ein. Dane­ben spielt aber auch Haus­ar­beit in ihrem All­tag eine gro­ße Rol­le.

Die Ordens­schwes­ter ist zum Spü­len ein­ge­teilt. Sie hängt sich die rote Schür­ze mit „Pasta“-Aufschrift und ver­schie­de­nen Nudel-Moti­ven um den Hals. Neben ihr ein Berg an dre­cki­gem Geschirr. Sie greift ein Teil nach dem ande­ren, drückt es unter Was­ser und schäumt es dann mit dem Schwamm ein. Gemur­mel von den etwa zwan­zig Gäs­ten kommt durch die Luke aus dem Raum neben­an.

Die Schwes­tern bedie­nen ihre Gäs­te selbst, die für ein paar Tage Zim­mer mie­ten kön­nen. Sie bie­ten ihnen ver­schie­de­ne Pro­gram­me für die geist­li­che Ein­kehr, pas­sen aber auch ger­ne ein­mal auf die Kin­der auf, damit die Eltern sich etwas aus­ru­hen kön­nen. Auch Put­zen und Wäsche­wa­schen gehört zu Schwes­ter Sina-Maries All­tag. Dabei hört sie manch­mal christ­li­che Lie­der oder Auf­nah­men von Vor­trä­gen über ihren MP3-Play­er.  

Die Krise

Mit dem ewi­gen Gelüb­de ver­spre­chen Schwes­tern end­gül­tig, Gott ihr Leben im Klos­ter zu wid­men. Der Weg dahin führt über eine Zeit im Pos­tu­lat, Novi­zi­at und über die zeit­li­chen Gelüb­de. Schwes­ter Sina-Marie ent­schei­det sich bei all die­sen Sta­tio­nen immer wie­der für das Klos­ter. Trotz­dem gibt es 2013 eine Zeit nach dem ewi­gen Gelüb­de, in der sie mit dem Gedan­ken spielt, aus­zu­tre­ten. Zu die­sem Zeit­punkt ist Schwes­ter Sina-Marie bereits über sie­ben Jah­re im Klos­ter:

Sinas Wunsch zu hei­ra­ten und Kin­der zu bekom­men, holt sie als Klos­ter­schwes­ter ein. Sie wen­det sich an ihren geist­li­chen Beglei­ter. Er unter­stützt sie und hilft ihr, sich wie­der auf Gott zu besin­nen. Schwes­ter Sina-Marie ent­schei­det sich noch ein­mal bewusst für ein Leben im Klos­ter, für ein Leben mit Gott.

Aber auch als Klos­ter­schwes­ter hat sie mensch­li­che Bedürf­nis­se, die selbst Gott nicht so ein­fach stil­len kann. Wie bei­spiels­wei­se einem ande­ren Men­schen kör­per­lich nahe zu sein:

Drama und Unverständnis

Nicht nur ihre Freun­de, son­dern sogar ihre Fami­lie haben nur sel­ten die Mög­lich­keit, die Ordens­schwes­ter zu sehen. In ihrer Gemein­schaft darf eine Schwes­ter eigent­lich nur alle drei Jah­re in die Hei­mat rei­sen und die Fami­lie jedes Jahr an Weih­nach­ten und Ostern sehen. Schwes­ter Sina-Marie darf mit einer Son­der­er­laub­nis sogar ein­mal im Jahr nach Hau­se fah­ren, denn ihr Ein­tritt ins Klos­ter war für ihre Fami­lie damals ein gro­ßes Pro­blem.

Wäh­rend ihre Freun­de alle posi­tiv auf Sinas Ent­schei­dung für den Ein­tritt ins Klos­ter reagier­ten, brach für ihre Fami­lie eine Welt zusam­men. Sinas Mut­ter rede­te auf ihre Toch­ter ein, ver­such­te, ihre ein­zi­ge Toch­ter noch umzu­stim­men und hoff­te, dass sie die Idee doch noch ver­wirft. Die Fami­lie konn­te Sina nicht ver­ste­hen. 

Die Tür zu ihrem neuen Leben

Im Sep­tem­ber 2005 ist der gro­ße Tag gekom­men. Sina fährt mit dem klei­nen wei­ßen Lan­cia ihrer Oma ins Klos­ter, um ihr Leben als Klos­ter­schwes­ter zu begin­nen. Ihre Freun­din Eli­sa­beth beglei­tet sie auf der Fahrt von Stutt­gart nach Bur­gund. Sina steht hin­ter ihrer Ent­schei­dung, aber die Wor­te ihrer Fami­lie bedrü­cken sie noch sehr. Doch mit jedem Kilo­me­ter, den sie dem Klos­ter näher kom­men, ver­bes­sert sich ihre Stim­mung. Ihre Vor­freu­de wird immer grö­ßer. Gleich­zei­tig genießt Sina die Gesprä­che mit Eli­sa­beth — es wer­den vor­erst die letz­ten sein. Auch Eli­sa­beth tritt bald in ein Klos­ter ein. Die nächs­ten Jah­re dür­fen sie vor allem im Novi­zi­at nur sel­ten Kon­takt nach drau­ßen auf­neh­men. 

Etwa sechs Stun­den spä­ter rollt der wei­ße Lan­cia über den roten Kies­bo­den des Prio­rats Saint-Hugues. Es ist ein gro­ßer Platz, der von bei­den Sei­ten mit Kugel­bäu­men ein­ge­rahmt ist. Am Ende der Baum­rei­hen ragt die wei­ße roma­ni­sche Kir­che empor. Sina ist ange­kom­men. Die bei­den stap­fen mit ihrem Gepäck die höl­zer­ne Wen­del­trep­pe im Gäs­te­haus hin­auf. Jede der alten Stu­fen knarzt unter ihren Füßen. In ihrem Zim­mer ent­deckt Sina die Tür. Die Tür zu ihrem neu­en Leben. Sie ist weiß und sieht erstaun­lich nor­mal aus. Nur ein rotes run­des Schild mit einem wei­ßen waa­ge­rech­ten Strei­fen zeigt, dass etwas außer­ge­wöhn­lich an ihr ist. Es ist die Tür zur Klau­sur, den Pri­vat­räu­men der Klos­ter­schwes­tern. Hier darf Sina erst in zwei Tagen durch, wenn sie offi­zi­ell ins Klos­ter ein­ge­tre­ten ist. Schon jetzt fin­det Sina den Gedan­ken dar­an auf­re­gend.

Zwei Tage sind ver­gan­gen. Sina steht wie­der vor der Tür, die dies­mal offen steht. Gleich ist es soweit. Sie hält ihr Tas­ten­han­dy noch in der Hand. Eine letz­te SMS — an den Inhalt kann sie sich nicht mehr erin­nern. „Okay, wenn mir jetzt noch jemand zurück­schreibt, wer­de ich es nicht mehr sehen“, denkt Sina. Sie schal­tet es aus, gibt es ihrer Freun­din. Mit­neh­men darf sie es nicht. Zwei Sekun­den spä­ter steht sie auf der ande­ren Sei­te der Tür.

Pssscht!

Um halb sechs ist es Zeit für die stil­le Anbe­tung in der klei­nen Kapel­le in Vel­burg. Sie dau­ert eine Stun­de. Schwes­ter Sina-Marie kniet sich neben den tie­fen Stuhl auf den Boden der Kapel­le. Es ist ein Raum im Klos­ter, in dem sie jeder­zeit beten kann. Ihr Habit legt sich über ihre Füße. Die Hän­de ruhen mit ver­schränk­ten Fin­gern in ihrem Schoß. Ihr Blick ist neu­tral und klar. Er ist nach vor­ne gerich­tet, auf einen klei­nen Kas­ten an der Wand, den Taber­na­kel mit dem Aller­hei­ligs­ten dar­in. Jeg­li­ches Zeit­ge­fühl scheint ihr zu feh­len. Die Schwes­ter lehnt sich nach vor­ne, die Arme nah am Kör­per, der Rücken rund. Ihr Gesicht schwebt nur weni­ge Zen­ti­me­ter über dem brau­nen Tep­pich­bo­den. Vor­bei­fah­ren­de Autos, Kin­der­ge­schrei, Hun­de­bel­len: Sie reagiert auf kei­nes der Geräu­sche von drau­ßen.

Auch wenn die Gebets­zei­ten nicht immer in ihren Tages­ab­lauf pas­sen, sieht sie die fes­ten Zei­ten posi­tiv.

Stil­le ist ein wich­ti­ges Ele­ment für die Apos­to­li­schen Schwes­tern vom hei­li­gen Johan­nes. Auch außer­halb der Gebe­te. Sie hilft den Schwes­tern, Gott zu hören und in Gedan­ken bei ihm zu sein.

Im Erd­ge­schoss steht des­halb auf einem klei­nen Tisch ein Kas­ten, in dem jede Schwes­ter ein eige­nes Fach hat. Hier kön­nen sie sich Nach­rich­ten hin­ter­las­sen, ohne mit­ein­an­der zu spre­chen.

Vor allem kurz nach Sinas Ein­tritt, im Pos­tu­lat, fällt ihr das The­ma Stil­le noch sehr schwer. Sie sei fast explo­diert vor lau­ter Fra­gen. In den weni­gen Momen­ten, in denen sie reden darf, spru­delt alles nur so aus ihr her­aus. Doch auch ande­re Punk­te machen Sina anfangs zu schaf­fen.

Verbindung zur anderen Seite der Mauer

Kon­takt nach drau­ßen war für Sina in den ers­ten Jah­ren im fran­zö­si­schen Klos­ter nur sel­ten mög­lich. Nur am Sonn­tag darf sie eine Stun­de lang Brie­fe schrei­ben. Aber wem soll sie schrei­ben in der kur­zen Zeit — und wem nicht? Ihren ers­ten Brief hält sie des­halb all­ge­mein und erzählt aus ihrem neu­en Leben. Sie kopiert ihn und schickt ihn an Freun­de und Fami­lie. Das Ori­gi­nal hat sie bis heu­te auf­ge­ho­ben und liest dar­aus vor. 

Freiheit hinter Mauern

Der Tages­ab­lauf von Schwes­ter Sina-Marie ent­hält vie­le fes­te Zei­ten für Gebe­te oder Arbei­ten. Obwohl sich ihr Leben zum Groß­teil hin­ter Klos­ter- oder Kir­chen­mau­ern abspielt, fühlt sie sich nicht ein­ge­sperrt.

Zu Beginn ihres Lebens im Klos­ter muss­te Sina sich noch an wesent­lich stren­ge­re Richt­li­ni­en gewöh­nen. 2006 tritt sie ihre zwei Jah­re Novi­zi­at im fran­zö­si­schen Klos­ter an. Die Klos­ter­schwes­ter sagt: „In allen Orden ist das Novi­zi­at beson­ders streng, damit man den Bruch mit der Welt spürt. Auch um Zeit zu spa­ren. Kann ich es leben oder kann ich es nicht?“

Die Hochzeit einer Klosterschwester 

Am Sams­tag vor Pfings­ten im Mai 2012 soll Schwes­ter Sina-Marie end­lich ihr ewi­ges Gelüb­de able­gen. Sie­ben Jah­re nach ihrem Ein­tritt ins Klos­ter. Die Nacht war kurz, die Auf­re­gung groß. Nach dem Früh­stück hört sie plötz­lich lau­tes Hupen. Das kommt von drau­ßen. Auf dem Hof war­ten lachend die ande­ren Schwes­tern mit dem Auto: „Wir holen dich jetzt zu dei­ner Hoch­zeit ab.“ Alle sind in Fest­stim­mung.

Die Schwes­tern fah­ren nach Paray-le-Moni­al, dem Ort, an dem Schwes­ter Sina-Marie heu­te ihr ewi­ges Gelüb­de ablegt. Sie schaut aus dem Fens­ter und wird plötz­lich ganz auf­ge­regt. Da ste­hen ihre Freun­de und ihre Mut­ter. Sie pick­ni­cken im Park unter strah­lend blau­em Him­mel. Ihre Mut­ter hat extra Erd­beer­ku­chen für ihre Sina geba­cken — die „Hoch­zeits­tor­te“.

Um halb vier beginnt die Zere­mo­nie der ewi­gen Gelüb­de. Sie bedeu­tet die tota­le Lebens­über­ga­be an Jesus und die lebens­lan­ge Bin­dung an ein Leben im Klos­ter.

© Asso­cia­ti­on SIEL

Juni 2019: Die vier Klos­ter­schwes­tern ste­cken mit­ten in den Vor­be­rei­tun­gen für ihre Rei­se nach Frank­reich. Sie fah­ren extra nach Paray-le-Moni­al, um dabei zu sein, wenn am Sams­tag vor Pfings­ten wie­der Schwes­tern ihre ewi­gen Gelüb­de able­gen. Vor sie­ben Jah­ren stand Schwes­ter Sina-Marie an die­ser Stel­le. Sie weiß noch genau, was es ihr bedeu­tet hat und steht hin­ter ihrer end­gül­ti­gen Ent­schei­dung für ein Leben hin­ter Klos­ter­mau­ern.

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