Multi-Kulti in der Siedlung Ludwigsfeld


Der Nabel der Welt

Eine kleine Insel im Münchner Nord-Westen: ein Vorort wie jeder andere, möchte man meinen. Die Wohnblöcke unterscheiden sich nur in Farbe und Hausnummer. Doch hinter den sich ähnelnden Türen und Fenstern wohnen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Menschen aus über 20 Nationen. Viele von ihnen kamen nicht freiwillig nach Ludwigsfeld, die Geschichte hat sie hierher gebracht. Wo heute ein Fußballplatz und ein Caritaswohnheim sind, befand sich das Außenlager Allach des KZ Dachau – dem wohl größten Lagerkomplex des Hitler-Regimes auf deutschem Boden. Trotz oder gerade wegen der traurigen Vergangenheit des Ortes, ist in Ludwigsfeld eine besondere Gemeinschaft entstanden.

Foto: Jeanette Wölfling

Anusch Thiel


Alter: 65 Jahre, geboren in Österreich

Anusch Thiel hat die Gründung der Siedlung miterlebt. Sie kam am 3. Januar 1953 zusammen mit ihren Eltern in die Siedlung, damals war sie fünf Jahre alt. Die Familie ihres Vaters stammte aus Armenien, die Mutter war Deutsche. Thiel beschreibt Ludwigsfeld als Ort, an dem jeder seinen Platz in der Gesellschaft findet und an dem sich Menschen aus der ganzen Welt zuhause fühlen dürfen.

 


Als Kind ist einem das egal, mit wem man da genau spielt, ob das jetzt ein Russe oder ein Pole ist – man ist einfach gemeinsam in einem fremden Land, diesem Deutschland. Für unsere Eltern war es viel schwerer. Vor allem für die Deutschen Eltern, weil für die waren wir ja immer noch die Menschen zweiter Klasse.

Anusch Thiel

In Anuschs Wohnzimmer hängen zahlreiche Andenken, die davon erzählen: Bilder aus ihrer Kindheit, von Freunden, die mit ihr in der Siedlung aufgewachsen sind und jetzt überall auf der Welt verstreut leben. Und Bilder der Wohnsiedlung, als sie 1952 entstanden war.

Die Heimatsuche nach dem Krieg


Anusch Thiel hat die Nachkriegszeit in Ludwigsfeld miterlebt, den Wiederaufbau Deutschlands unter den Besatzungsmächten. 1948 trat der Marshallplan in Kraft, der das wirtschaftlich isolierte Deutschland mit Krediten, Rohstoffen und Lebensmitteln versorgte.

Bis 1952 unterstützten die USA bedürftige Staaten mit insgesamt rund 13,2 Milliarden Dollar. Im Gegenzug mussten die jeweiligen Staaten bestimmte Auflagen erfüllen, zum Beispiel die Beschaffung von Wohnraum. So auch in München, wo etwa 100.000 Menschen untergebracht werden mussten, die durch den Krieg alles verloren hatten.

Zu nah an der deutschen Bevölkerung sollten sie sich jedoch nicht niederlassen. Daher wurden vor allem Flächen vorgeschlagen, die ohnehin nach der Zerschlagung des Nazi-Regimes für neue Erschließungen bereit standen – so wie frühere KZ-Außenlager.


„Displaced Persons“ – Der blaue Pass


 

Nach der Befreiung durch die Alliierten galt ein Großteil der ehemaligen KZ-Insassen als heimatlos. Besonders Immigranten oder Deutsche mit Migrationshintergrund konnten nur selten in ihre Heimatländer zurückkehren. 3.500 Menschen verschiedenster Nationalitäten hatten in Allach nicht nur ihre Freiheit und Selbstbestimmtheit aufgeben müssen – sie wurden auch ihrer Heimat beraubt. Ohne Zuhause und oft krank, mussten viele von ihnen in Deutschland bleiben. Um die Verbliebenen zu registrieren, wurden blaue Pässe ausgestellt, die die sogenannten „displaced persons“ als legal in Deutschland bestätigten.

 

Foto: Pia Binder

Nebenan wohnen die Deutschen


Die neu entstanden Nachbarschaft in Ludwigsfeld war ein bunter Mix aus Nationalitäten und Mentalitäten. „Beinahe niemand verstand die Sprache seines Nachbarn oder teilte dessen Religion. Zwischen Russen, Albanern, Mongolen, Polen, Türken und Italienern waren auch einzelne Deutsche da“, erzählt Anusch Thiel. „Für die Deutschen waren wir aber noch immer Menschen zweiter Klasse.“ Dementsprechend groß sei auf beiden Seiten die Distanz zueinander gewesen. Die Vorstellung, Täter und Opfer der Rassendiskriminierung würden Tür an Tür wohnen, habe vielen Menschen rund um Ludwigsfeld Angst gemacht, vor allem der Elterngeneration. Anusch Thiel erinnert sich trotzdem noch immer mit Freude an ihre Kindheit: „Unsere Generation hatte damit keine so großen Probleme, als Kind ist dir das egal, mit wem du da genau spielst. Und daraus ist unsere Multi-Kulti-Gemeinschaft entstanden, die wir bis heute sind.“



Um Erinnerungen zu bewahren und um der Toten zu gedenken, mahnt ein Denkmal mit religiösen Motiven direkt an der Zufahrtsstraße zum Ort. (Foto: Jeanette Wölfling)

Der Fußballplatz auf dem Massengrab


Die neue Heimat, oder zumindest ein Platz zum Wohnen und ein geordnetes Umfeld, machte es den ehemaligen Lagerarbeitern und deren Familien leichter, sich langsam wieder einem selbstbestimmten Leben zuzuwenden und die Vergangenheit mehr und mehr hinter sich zu lassen.

Aber immer wieder brachten die Kinder der ehemaligen displaced persons Knochen vom Spielen mit nach Hause. Dass es sich dabei nicht um Überreste von Dinosauriern, sondern um menschliche Knochen handelte, war den Erwachsenen durchaus bewusst. „Doch man sprach einfach nicht darüber“, erklärt der Historiker Klaus Mai. Er hat sich viele Jahre mit der Geschichte und Entstehung Ludwigsfelds beschäftigt.

Im Umkreis der Lager seien viele Opfer der harten, unerbittlichen Lagerarbeit vergraben worden. „Die Generation der ersten Siedler wusste ohne Zweifel, was sich unter dem Rasen in ihrem Garten befunden haben könnte, aber man hat das verdrängt oder darüber geschwiegen.“

Erst vor etwa 20 Jahren begannen die Ludwigsfelder damit, die Vergangenheit ihrer Heimat zu dokumentieren. Auch heute lebt noch die ein oder andere ältere Dame in Ludwigsfeld, deren Mann als Zwangsarbeiter im Lager eingesessen hat. Eine letzte Baracke steht noch als Mahnmal, sonst ist nichts mehr zu sehen.

Oliver Krmadijan


Alter: 63 Jahre, ebenfalls in Österreich geboren

Zusammen mit seiner Schwester Anusch Thiel und sechs weiteren Geschwistern kam er ebenfalls als einer der „first settler“ nach Ludwigsfeld. Dort ist er mit seiner Frau auch geblieben, denn die Wohnsiedlung ist seine Heimat, sagt er. Eine andere kenne er nicht – und wolle er auch nicht. Jedes Jahr organisiert er das Ludwigsfelder Open Air, ein kleines, aber geselliges Fest, bei dem alle Ludwigsfelder zusammenkommen. „Jeder bringt etwas mit, entweder etwas besonderes zu essen, oder eine besondere Art von Musik!“ Für Oliver ist das Fest zu einer Tradition geworden: „Es kommen ja immer neue Leute dazu, und was noch besser ist: Obwohl wirklich viele Nationalitäten versammelt sind, gibt es doch immer wieder mal etwas Fremdes, das dazu kommt.“


Foto: Jeanette Wölfling

Mit unserer Vergangenheit um zu gehen ist wichtig. Wir sind Menschen, wir wollen Fortschritt und wir wollen uns weiterentwickeln. Aber das geht eben nur, wenn wir uns auch die unangenehmen Kapitel anschauen und daraus lernen. Und gerade in Ludwigsfeld ist die Vergangenheit das, was uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

Oliver Krmadijan

Nimgir Bembejev kümmert sich um den Erhalt des kleinen „Tempels“ in Ludwigsfeld und pflegt die Kultstätte der Buddhisten. (Foto: Sandra Schnabel)
Sarira, so nennt man die in Sanskrit verfassten Gebetstexte und Reliquien. Viele wurden von den Familien über Jahre hinweg gesammelt, mit nach Deutschland gebracht und an die Glaubensgemeinschaft gespendet. (Foto: Sandra Schnabel)

Der buddhistische Tempel im Wohnzimmer


Die Ludwigsfelder brachten neben den verschiedenen Kulturen auch ihre jeweilige Religion mit. Schon früh wurden diese in das Siedlungsleben integriert. Fünf Glaubensformen sind in Ludwigsfeld vertreten. Neben einer katholischen Gemeinde gibt Ludwigsfeld eine russisch-orthodoxe, eine georgisch-orthodoxe und eine ukrainisch-orthodoxe Gemeinde und einen buddhistischen Tempel. Für die ehemaligen „displaced persons“ gab es in der Zeit, in der jeder von ihnen voll Sehnsucht an sein Heimatland dachte, vor allem durch Religion die Möglichkeit, sich diesem wieder näher zu fühlen.

Jede Glaubensgemeinde hat in Ludwigsfeld Räume geschaffen, um ungestört ihren Kult zu leben. Der buddhistische Tempel ist in der Rubinstraße 14 untergebracht. Nimgir Bembejev stammt vom mongolischen Stamm der Kalmücken ab. Schon seine Eltern und Großeltern waren Buddhisten und haben ihre Religion mit nach Deutschland gebracht. Um ihr Andenken und ihren Glauben in Ludwigsfeld zu erhalten, kümmert sich Bembejev um den kleinen Tempel. Auf den ersten Blick sieht es dort aus wie in einer ganz normalen Wohnung: Küche, Flur, Essbereich. Aber im Wohnzmmer: eine völlig andere Kultur. „Die Sarira, wie die buddhistischen Reliquien genannt werden, haben viele Familien über Jahre hinweg zusammengesammelt und gespendet“, erzählt Bembejev. „Zu Besuch war auch schon der Dalai Lama. Früher war das in München die größte Vereinigung von Buddhisten überhaupt, aber inzwischen werden es immer weniger.“ Heute kommen zwar auch noch regelmäßig Leute zu den Zeremonien, aber meist Studenten, die aufgrund eines Kulturwissenschaftlichen Studiums den Kult kennen lernen wollen. Denn Ludwigsfeld ist eine der wenigen Möglichkeiten rund um München, Buddhismus zu praktizieren.

Das neue Ludwigsfeld


Die günstigen Mietpreise ziehen immer mehr Leute nach Ludwigsfeld. Man wohnt im Grünen und trotzdem liegt die Siedlung nur 20 Minuten mit dem Auto von der Münchner Innenstadt entfernt.

Auch der ein oder andere Student lässt sich deswegen hier nieder, denn für knapp 500 Euro bekommt man in Ludwigsfeld eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Von der Vergangenheit oder dem Grund, warum hier noch heute viele Nationalitäten zu finden sind, wissen die wenigsten Zugezogenen. Für die alteingesessenen Ludwigsfelder ist das nicht immer leicht. Anusch Thiel und Oliver Krmadijan sprechen von einer zunehmenden Anonymisierung. „Die Leute verstehen unsere Gemeinschaft – das Feeling, sozusagen, am Anfang meist überhaupt nicht“, sagt Anusch.

Egal, wohin wir in den Urlaub fahren, fast überall gibt es einen Ludwigsfelder, oder eine Familie, die man über Freunde kennt. Wir sind eigentlich richtig global vernetzt, durch unsere Kindheit in Ludwigsfeld. Das ist eigentlich der Nabel der Welt hier, weil soviele Nationen hier ansässig waren und irgendwann die Kinder oder Kindeskinder wieder ins Ausland gegangen sind. So haben wir Freunde überall gefunden!

Anusch Thiel

Diejenigen, deren Familien seit Generationen hier wohnen, kommen aber auch gerne zurück. So wie Jannis Riesz und Dustin Panarim. Beide sind in Ludwigsfeld geboren und aufgewachsen, dann in die Welt aufgebrochen und haben sich dann dazu entschieden, wieder herzukommen. Weil es ihnen hier gefällt, weil sie das „Feeling“ schätzen.

Foto: Jeanette Wölfling

Jannis Riesz und Dustin Panarim


Alter: 36 und 33 Jahre

Beide sind geboren und aufgewachsen in Ludwigsfeld und kennen sich daher schon ihr ganzes Leben. Für die beiden ist die Wohnsiedlung nicht nur ein zuhause, sondern auch ein Ort mit „Spirit“, an dem auch die jüngeren Generation teilhaben.

Foto: Jeanette Wölfling

Ludwigsfeld – das ist schwer zu beschreiben: Es ist ein bisschen wie Berliner Kiez-Stimmung. Leute, mit denen du normalerweise so nie zu tun haben willst, hängen miteinander ab. Deine Herkunft, Ludwigsfeld, verbindet, egal, ob du Türke, Araber oder Mongole bist.

 

Jannis Riesz

Der Blick von außerhalb


 

Die Sozialarbeiterin Renate Grünwald von der Caritas München kommt einmal die Woche nach Ludwigsfeld und organisiert Pflege für die Alten und Hausaufgabenbetreuung für die Jungen. Längst ist sie keine Außenstehende mehr, doch zu Beginn war es für sie nicht leicht, den Zusammenhalt in Ludwigsfeld zu verstehen. Inzwischen sieht sie, was den Unterschied macht: Die schlechte Anbindung an Dachau oder München habe die Ludwigsfelder zwar isoliert, doch zugleich auch weltoffener gemacht. Denn so seien sie Besuchern gegenüber stets aufgeschlossen begegnet, egal welcher Nationalität oder Herkunft.

Es gibt keine S-Bahn- oder U-Bahn-Haltestelle, die Busse fahren eher sporadisch und große Supermärkte oder andere Einkaufsmöglichkeiten sucht man vergeblich. Für die grundlegenden Dinge gibt es zwei kleine Läden, vor denen ältere Herren Espresso trinken, die Zeitung lesen und heiß darüber diskutieren, was denn so passiert in der Siedlung. Und beinahe immer mischen sich ein oder zwei fremde Sprachen im Gespräch. Multi-Kulti scheint hier zu funktionieren und wie eine Auszeichnung getragen zu werden. „Natürlich gibt es hier auch den ein oder anderen Vorfall – wo leben Menschen zusammen, ohne dass es auch einmal kracht?“, sagt Grünwald. „Aber insgesamt gesehen, wirken sich die vielen verschiedenen Nationalitäten eher positiv auf das soziale Klima aus.“

Doch Grünwald weiß auch, dass sich Ludwigsfeld dem allgemeinen anonymisierenden Wandel in und um München nicht entziehen kann. „2010 hat eine Wohnbau-Genossenschaft einen Großteil der Siedlung gekauft und saniert. Dadurch wurde auch für Ludwigsfeld der Mietspiegel eingeführt. Gerade für sozial schwächere Familien wird es in Zukunft immer schwieriger werden, ihre Wohnungen hier zu halten“, erzählt Grünwald. Über den Kauf durch die Genossenschaft waren viele Mieter nicht glücklich.


Integration ist ein Lernprozess, der Zeit braucht. Die Leute hier haben über viele Generationen hinweg gelernt miteinander zu leben und Unterschiede in Herkunft, Religion oder was auch immer zu akzeptieren. Deswegen fällt es ihnen leichter, als zum Beispiel vielen Münchnern, Integration tatsächlich zu leben und zu realisieren.

Renate Grünwald

Sozialarbeiterin Caritas

Durch den Mietspiegel und auch die allgemeine Wohnraum-Knappheit im Großraum München, werden vermutlich auch in Zukunft Siedlungen wie Ludwigsfeld weiter durch Immobilienunternehmen erschlossen. Was das für die Ludwigsfelder heißt, ist noch nicht abzusehen, doch eines fürchten vor allem die Familien, die bereits seit Generationen hier leben: Den Verlust ihres „Ludwigsfelder Feelings“, auf das sie doch so stolz sind. Denn mit dem „Feeling“ würde vielleicht auch die beinahe einzigartige Form des Zusammenlebens mehr und mehr verloren gehen, durch die Ludwigsfeld gelernt hat, jeder Nationalität und Kultur offen zu begegnen.


 

Autorin: Katharina Gotz

Titelbild: Jeanette Wölfling

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