US-Soldaten in der deutschen Kleinstadt

 

Stars and stripes in Unterfranken

Es muss so zwei oder drei Uhr morgens gewesen sein, kurz vor Feierabend. Traudl, ihre Kolleginnen und Carlo, der Geschäftsführer, räumten gerade alles auf: Tische sauber wischen, Stühle auf die Tische stellen, Gläser spülen. Dann kamen plötzlich zehn US-Soldaten in die Bar und wollten etwas trinken. Das müssen Footballspieler gewesen sein, das waren Bären. Die Bar hatte bereits geschlossen. Aber sie wollten unbedingt noch trinken: Nun bekamen die Angestellten der Bar Probleme. Besonders Carlo. Den packten die Amerikaner, hoben ihn hoch und wirbelten ihn durch die Luft. Traudl erinnert sich, sie hatte so Angst.  Aber gemacht haben die Amerikaner nichts. Am Ende wurde Carlo unversehrt heruntergelassen. Dann bekamen die Amerikaner etwas zu trinken und alles war wieder gut.

Traudl (links) und Milly heute. (Foto: Thomas Feiler)

Von allen Vorfällen in der Hill-Billy Bar – meistens handelte es sich um Schlägereien – ist diese Beinahe-Schlägerei Traudl noch am stärksten in Erinnerung geblieben. Eigentlich heißt sie Edeltraud Maurer (66). Aber heute wie damals, als die US-Soldaten die Stadt mit Leben und Musik füllten, ist sie für alle die Traudl. Heute: kurze, feuerrot gefärbte Haare, fränkische Mundart und ein Husten, wie es Rauchern zu eigen ist. Damals: mal kurze Haare, blond, dann auch mal eine schwarze toupierte Mähne, die sie ein paar Zentimeter größer erscheinen ließ. Alles dokumentiert auf kleinen Fotos, manchmal Polaroid, rotstichig, verbleicht oder mit abgeknickten Rändern. Wenn Traudl die Bilder jetzt sieht, hält sie die Hand vor ihr Gesicht, lacht laut auf – ein kräftiges Rasseln aus ihrer Lunge – und dreht sich verschämt weg.

Erst zerbombt, dann Garnisonsstadt

Im Februar 1945 wurde Kitzingen von amerikanischen Bombern angegriffen. Über 2.000 Bomben fielen auf die Stadt herab, über 700 Menschen sind bei dem Angriff umgekommen. Kitzingen wurde zur Garnisonsstadt für das US-Militär. In Hochzeiten lebten 12.000 US-Amerikaner neben 20.000 Kitzingern. Kitzingen wurde von den Amerikanern aufgemischt und hatte bald den Ruf, das Little Las Vegas am Main zu sein.

Rudolf Schardt über die Amerikaner

 

24 Jahre lang, von 1967 bis 1991, war Rudolf Schardt (88) Oberbürgermeister von Kitzingen. Er erinnert sich gern an die Zusammenarbeit mit den Amerikanern: Aktionen wie Freundschaftswochen und Vergleichsmärsche mit der Bundeswehr stärkten die Beziehungen. 1991 wurde Schardt für seine Arbeit als Vermittler zwischen deutschen und amerikanischen Interessen mit dem Commander’s Award for public service ausgezeichnet.

Seit Ende seiner Amtszeit genießt Schardt nicht nur seinen Ruhestand – er mischt auch in der aktuellen Diskussion, was mit den ehemaligen Flächen der Amerikaner geschehen soll, mit. Noch heute erhält er ab und zu Briefe von Amerikanern, die sich gerne an ihre Zeit in Kitzingen erinnern.

Die Hill-Billy Bar

Das alles ist schon lange her: 2006 haben die Amerikaner Kitzingen verlassen, einige Bekanntschaften von damals sind bereits verstorben. Und doch: Immer wieder begegnet Traudl heute noch Leuten von damals. Entweder auf den Wild Times-Festivals der Stadt, die an das Kitzingen von Anfang der 1950er bis Mitte der 1970er Jahre erinnern. Oder über Facebook, wenn ihr Menschen aus den USA schreiben, meistens Veteranen, die früher als Soldaten in Kitzingen stationiert waren. Immer wieder der fassungslose Ausruf: „Traudl – das bist ja du!“

Solche Begegnungen hat sie ihrer Zeit als Kellnerin in der Hill-Billy Bar in Kitzingen zu verdanken. Ende 1968 hat sie dort als eine von zwölf Bedienungen angefangen. Zu ihnen gehörte auch ein Jahr lang Traudls gute Freundin Milly. Die galt damals als Mischlingskind, weil ihre Mutter eine weiße Kitzingerin und ihr Vater ein afroamerikanischer US-Soldat waren. Der Vater ging nach Amerika, die Mutter wollte dort nicht hin, die geplante Hochzeit wurde abgesagt, er ging nach Amerika und sie blieb mit Milly und deren kleinen Schwester. Erst über eine Suche im Internet konnten die beiden Schwestern die Familie ihres Vaters in Amerika ausfindig machen. Allerdings zu spät: Der Vater war da bereits tot. Dennoch besteht jetzt Kontakt zu dessen Familie.


Milly (links) und Traudl (rechts) Ende der 60er. (Foto: Privat)

Live-Bands und Polizei-Cola

Als Animierdame musste Traudl die Gäste zum ausgiebigen Trinken motivieren. Jede Bedienung arbeitete auf Provision und hatte einen eigenen Kühlschrank, gefüllt mit Bier und Alkoholfreiem. An jedem Getränk, das Traudl verkaufte, verdiente sie mit – allerdings nie mehr als zehn Prozent. Um trotzdem genug zu verdienen, setzte sie sich immer wieder an den ein oder anderen Tisch und ließ sich etwas ausgeben.

Zu den Bedienungen kamen noch drei Kellner und ein Kassenwart dazu, der am Eingang den Eintritt abkassierte, für die Live-Bands, die jeden Monat wechselten. Die Bands kamen anfangs von außerhalb, eine sogar aus Amsterdam. Später spielten dann auch Kitzinger Bands in der Hill-Billy Bar.

Jeden Abend Live-Musik, dafür war die Hill-Billy Bar bekannt. Aber auch dafür, dass hier die US-amerikanischen Soldaten einkehrten und es sich richtig gut gehen ließen. Sie konnten sich das ja auch leisten, mit einem Wechselkurs, bei dem – zu Bestzeiten – ein US-Dollar 4,20 Deutsche Mark wert war. Wofür die Hill-Billy Bar auch bekannt war: die vielen Schlägereien – zwischen Deutschen und Amerikanern, zwischen weißen und dunkelhäutigen US-Soldaten.

Ausgerechnet den Chef von der MP kannte Traudl gut. Wenn der als MP-ler unterwegs war, war er erbarmungslos zu seinen auffälligen Landsmännern. Wenn er aber privat in der Hill-Billy-Bar war, war er unglaublich freundlich, erinnert sich Traudl. (Foto: Privat)

Bei Schlägereien mit Amerikanern kam die MP angefahren, die Militärpolizei der US-Amerikaner. Mit langen, harten Schlagstöcken ging die MP auf ihre Landsmänner los und prügelte richtig. Dann wurden die aufgegriffenen Amerikaner aus der Bar geschleift und in die Kaserne gefahren, wo sie oftmals für längere Zeit bleiben mussten. Ein Monat Ausgangsverbot war üblich. Traudl weiß noch, dass den Soldaten ein Streifen auf den Schultern ihrer Uniform abgenommen wurde.

Da hatten die Kitzinger mit ihren Stadtpolizisten mehr Glück. Die sind auch mal in die Bar gegangen und haben sich mit einer Polizei-Cola in die Ecke gesetzt und nichts weiter gemacht. Das muss dann aber wahrscheinlich an der Mischung der Polizei-Cola gelegen haben: Fast bis oben hin voll mit Cognac und dann noch ein bisschen Cola zur Tarnung.

Die meisten ihrer amerikanischen Kunden von damals hat Traudl als besonders freundlich den Deutschen gegenüber in Erinnerung, aber natürlich gab es die freundlichen genauso wie die unangenehmen. Dann gab es noch die Protzer, die von ihren tollen Häusern in Amerika schwärmten und prahlten – Traudl wusste: alles nur Angeberei.

Und dann gab es noch die Traurigen, besonders in der Zeit des Vietnamkriegs. Von Amerika nach Kitzingen, dann nach Vietnam in den Krieg. Manche Soldaten gaben am Abend, bevor sie Kitzingen für Vietnam verlassen mussten, noch ein letztes Mal richtig viel Geld aus. Sie wussten ja nicht, ob sie wieder zurückkommen würden. Traudl hat noch immer einen Weihnachtsabend vor Augen: nur noch junge weinende US-Soldaten. Nichts da mit Merry Christmas, stattdessen unerträgliches Heimweh. „Da hat ma selber mitgeheult. Da hat ma Mitleid mit den Bürschle gehabt“, erzählt Traudl.

Die Soldatinnen „war’n aber auch gut dabei“

Später kamen dann auch Frauen. Soldatinnen. Das muss so 1975, 1976 angefangen haben. „Die war‘n gröber“, sagt Traudl. „Die war‘n auch gut dabei.“ Von der Getränkewahl unterschieden sich die Soldatinnen nicht von ihren männlichen Kollegen. Und auch manche Soldatin gab der Bedienung was aus.

Und natürlich gab es noch die Deutschen: Kellnerinnen von außerhalb, die nur ein, zwei Monate in Kitzingen arbeiteten, in der Hoffnung, einen Amerikaner kennenzulernen. Manche der jungen Frauen gingen mit den Soldaten später auch in die USA – das „Schlaraffenland“. „Früher ham die alle gedacht, ihnen fliegen die Hähnchen dort in den Mund“, erinnert sich Traudl. Manche von den Frauen haben tatsächlich ihr Glück in den USA gefunden. Manche aber eben nicht: Sie kehrten irgendwann alleine wieder nach Deutschland zurück.

Schließlich gab es da noch die Deutschen, die mit dem Amerikanischen, mit dem Lauten, mit dem, was sie „Negermusik“ nannten, nichts anfangen wollten. Die, die einfach nur ihre Ruhe haben wollten. „A jeder hat g‘mault, aber dann sin‘ sie doch durch den Hintereingang rein.“ Natürlich waren diese Kunden auch die, die Traudl am Tag darauf einfach ignorierten. „Aber da steh‘ ich drüber.“

Die Abende in der Hill-Billy Bar gingen bis zwei Uhr und später. (Foto: Privat)
Gedenkstein aus Papier: In Traudls Fotoalbum findet sich auch dieser alte Zeitungsausschnitt über den Abriss der ehemaligen Hill-Billy Bar. (Foto: Sebelka/Kitzinger Zeitung)

1989: Abriss

So ging das eine Zeit lang weiter – bis zum 5. Mai 1989, dem Tag, an dem die Bar abgerissen wurde. Zuvor war aus dieser 1973 schon eine Disco geworden. Die Disco wurde zur Pizzeria. Und irgendwann kam das Ende: Ein neuer Pfarrer in der Stadt sammelte Unterschriften gegen den verruchten Ort. Die Amerikaner gingen nicht mehr in die Innenstadt. Sie lebten nun lieber unter sich. Der Dollarkurs war schwächer geworden, das wilde Leben wurde zu teuer. Da hat man sich dann doch lieber einfach die Pizza in die Kasernen liefern lassen.


Bürgermeister Bernd Moser erinnert sich

 

Bernd Moser (71) war elf Jahre lang – von 1997 bis 2008 – Oberbürgermeister von Kitzingen. In seine Amtszeit fiel der Abzug der Amerikaner im Jahr 2006 – und der 11. September 2001. „Das war ein ganz gravierender Einschnitt“, erinnert sich Moser. Alle Kasernen wurden vorerst aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die persönlichen Kontakte mit den Amerikanern litten nicht darunter. Allerdings wurden die Kontrollen verstärkt: Autos, die auf US-Gelände fuhren, wurden mit Spiegeln auf Sprengsätze kontrolliert.

Was am Ende übrig bleibt

Obwohl der Abzug des US-Militärs aus Kitzingen schon bald ein Jahrzehnt zurückliegt, beschäftigen die Amerikaner die Stadt Kitzingen weiterhin: Was soll mit den leeren Kasernen, der verlassenen Schule und der alten Bowlingbahn geschehen? Was wird aus den über 700 Wohnungen, in denen die US-Soldaten und ihre Familien gelebt haben? Wie können die ehemaligen Kasernen genutzt werden?

Einsteins hat auf den ehemaligen US-Flächen nach den letzten Spuren der Amerikaner gesucht. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges war das US-Militär in Kitzingen stationiert. Bis zu 12.000 US-Amerikaner lebten in den Hochzeiten dort. Nach 61 Jahren zogen 2006 die Amerikaner ab.

Die meisten Grundstücke wurden bereits verkauft. Zwei Kasernen sind nun Industrieparks. Ein früheres Offizierskasino wurde zu einem Hotel umgebaut. Nur eine Fläche hat die Stadt Kitzingen lange beschäftigt: Die Wohnsiedlung der Amerikaner, die Marshall Heights. Erst im März 2015 hat ein Investor das Gelände gekauft, aber der Stadtrat hat noch nicht darüber abgestimmt, was nun mit den Häusern auf den Marshall Heights geschehen soll. Allerdings wurde festgesetzt, dass die Wohnnutzung in den Marshall Heights grundsätzlichen Bestandsschutz genießt. Das heißt, dass für die weitere Nutzung keine Baugenehmigung notwendig ist.


 

Autor: Thomas Feiler

Sonstige Mitwirkende: Christoph Eiben

Titelbild: Wild Times

Thomas Feiler hat auf Privatfotos von Richard Lancaster, Edeltraud Maurer, Bernd Moser und Rudolf Schardt und auf Fotos, die Siegfried Sebelka für die Kitzinger Zeitung und die Mainpost geschossen hat, zurückgegriffen. Außerdem wurde die Internetseite von Klaus Christof und Renate Haas mit Fotografien aus ihrer Ausstellung Wild Times Kitzingen 1945-1975 unterstützt.

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