Zypern: Der vergessene Konflikt

1974 mar­schier­ten tür­ki­sche Sol­da­ten in Zypern ein. Damals war Kat­ie Eco­no­mi­dou 14 Jah­re alt. Heu­te, 45 Jah­re spä­ter, hat sich wenig ver­än­dert: Die Trup­pen sind immer noch da, das Land ist geteilt und Kat­ies Fami­lie kann in ihrem eigent­li­chen Zuhau­se nicht leben.


von Andreas Eikam

Das geteil­te Land

Von Ost nach West gibt es auf Zypern einen Strei­fen Land, in dem kei­ne Men­schen woh­nen. Nur Sol­da­ten der Ver­ein­ten Natio­nen (UN) sind in die­ser Puf­fer­zo­ne sta­tio­niert. Wie ein Strich teilt sie das Land in zwei Tei­le, Nord und Süd. Im Süden leben die grie­chi­schen Zyprio­ten, im Nor­den eigent­lich die tür­ki­schen Zyprio­ten.

Kat­ie Eco­no­mi­dou holt uns kurz vor der Puf­fer­zo­ne ab. „Das Ers­te, das ihr über mich wis­sen müsst ist: Ich bin eine ‚Cra­zy Lady’.“ Lächelnd dreht sie sich zu uns von ihrem Fah­rer­sitz aus um. Kat­ie ist 59 Jah­re alt und trägt eine ecki­ge Bril­le mit rosa Bril­len­rah­men und schwar­zen Bügeln. Sie fährt mit uns über die Gren­ze, von Süd nach Nord. Erst müs­sen wir die Aus­wei­se an der grie­chisch-zyprio­ti­schen Kon­trol­le abge­ben. Kurz wer­den sie gescannt. Hun­dert Meter durch­fah­ren wir die Puf­fer­zo­ne. Am Stra­ßen­rand ein paar grü­ne Sträu­cher, von Gebäu­den kei­ne Spur. Beim tür­kisch-zyprio­ti­schen Check­point wie­der­holt sich die Pro­ze­dur: Aus­weis abge­ben, über­prü­fen las­sen, wei­ter­fah­ren. Betre­te­nes Schwei­gen im Auto. Wir sind im ehe­ma­li­gen Kriegs­ge­biet. Kat­ie fährt mit uns zu einer Kir­che aus dem 14. Jahr­hun­dert, die wäh­rend der Inva­si­on der tür­ki­schen Sol­da­ten 1974 geplün­dert wur­de.

Krieg im Urlaubs­pa­ra­dies

Zypern wur­de 1960 ein unab­hän­gi­ger Staat, doch ab 1963 nah­men die innen­po­li­ti­schen Span­nun­gen immer wei­ter zu. Die grie­chi­sche Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, unter­drück­te die Min­der­heit der tür­ki­schen Zyprio­tIn­nen. Es kam zu Mas­sa­kern auf bei­den Sei­ten. Die Kon­flik­te erreich­ten ihren Höhe­punkt, als am 15. Juli 1974 die dama­li­ge Regie­rung aus dem Amt geputscht wur­de. Die Put­schis­ten woll­ten, dass Zypern zu Grie­chen­land gehört. Die Tür­kei ent­schied sich, die zyprio­ti­sche Ver­fas­sung zu schüt­zen. Des­halb lan­de­te sie Trup­pen an der Küs­te Zyperns an. Damit ver­tei­dig­te die Tür­kei die Rech­te der tür­kisch spre­chen­den Zyprio­tIn­nen und ihr Mit­spra­che­recht auf Zypern. Kat­ie war damals 14, heu­te ist sie 59. Und die Trup­pen sind immer noch da.

Kat­ie fährt rasant, redet und ges­ti­ku­liert viel am Steu­er. Oft zieht sie an lang­sa­mer fah­ren­den Autos vor­bei, muss wie­der abbrem­sen und sich neu ein­ord­nen, weil sie den Gegen­ver­kehr nicht bedacht hat. Wir sind auf dem Weg zur “Sum­mer-Sere­na­de” des „Kyre­nia Cham­ber Choir “. Kat­ie darf hier zwei Soli sin­gen.

Das Som­mer­kon­zert ist die ers­te Ver­an­stal­tung in der Kir­che seit der Plün­de­rung 1974. Sonst kom­men nur Rei­se­grup­pen dort­hin. Kah­le Wän­de, beschä­dig­te Fres­ken — die Spu­ren der Ver­wüs­tung sind immer noch zu erken­nen. Vor ihrem zwei­ten Solo wen­det sich Kat­ie an das Publi­kum. „Es war schon immer ein Traum von mir, hier, an die­sem beson­de­ren Ort, sin­gen zu dür­fen.“

Kat­ie ist grie­chi­sche Zyprio­tin, im Süden gebo­ren. Als Tou­ris­ten­füh­re­rin zeigt sie jedoch bei­de Tei­le der Insel. Wie sich her­aus­stellt, kann Kat­ie Deutsch. Sogar flie­ßend und nahe­zu ohne Gram­ma­tik­feh­ler. Mit 17 Jah­ren hat sie ange­fan­gen Deutsch zu ler­nen. Sie woll­te unbe­dingt „Das Kapi­tal“ von Karl Marx im Ori­gi­nal lesen. Ihr Vater hielt sie für ver­rückt, dar­um muss­te sie zu Fuß zu ihren Deutsch­stun­den am Goe­the-Insti­tut in Niko­sia gehen. Trotz­dem: Mit uns spricht sie wei­ter Eng­lisch — ihr Deutsch sei zu ein­ge­ros­tet.

Nach dem Kon­zert will sie uns noch etwas vom Nor­den zei­gen. Wir fah­ren zum vene­zia­ni­schen Hafen in Kyri­nea. Zwei- bis drei­stö­cki­ge alte Häu­ser mit hel­len Fas­sa­den ste­hen dicht gedrängt neben­ein­an­der. Vor ihnen Tische, Stüh­le und Son­nen­schir­me der Restau­rants. Die Segel­boo­te lie­gen im Was­ser, das Meer rauscht. Wir stei­gen zurück ins Auto und den­ken, wir fah­ren nach Niko­sia. Dann sagt Kat­ie: „Und jetzt zei­ge ich euch, wo die tür­ki­schen Sol­da­ten das ers­te Mal an Land gegan­gen sind.“

Es ist der gan­zen Welt egal.

Inner­halb weni­ger Momen­te ist nichts mehr von der Leich­tig­keit übrig. Kat­ie fängt an zu erzäh­len. Sie redet erreg­ter als zuvor. „Die meis­ten der Leu­te, die im Hafen spa­zie­ren gegan­gen sind, sind kei­ne tür­ki­schen Zyprio­ten. Das sind Fest­land-Tür­ken.“ Die Fest­land-Tür­kIn­nen wüss­ten nicht, was in den Sieb­zi­gern pas­siert sei. „Sie den­ken, dass Zypern eine Pro­vinz der Tür­kei ist, zu der sie kom­men, um zu arbei­ten oder sie zu besu­chen, dort Urlaub zu machen.“ Die Fest­land-Tür­kIn­nen in Istan­bul hät­ten kei­ne Ahnung. Es sei ihnen egal. „Sie haben ihre eige­nen Pro­ble­me, es inter­es­siert nie­man­den. Es ist der gan­zen Welt egal.“

Gele­gent­lich nimmt Kat­ie ihre Hän­de vom Lenk­rad und fuch­telt damit in der Luft her­um. Es surrt, Kat­ie lässt das Auto­fens­ter auf ihrer Sei­te ein paar Zen­ti­me­ter run­ter. „Ein biss­chen fri­sche Luft für mich.“

Kat­ie wünscht sich, man könn­te die Vor­ur­tei­le ver­ges­sen. Statt­des­sen: sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen, ver­trau­en und wie frü­her wie­der zusam­men­zu­le­ben. Als gäbe es immer noch über hun­dert gemisch­te Gemein­den aus tür­ki­schen und grie­chi­schen Zyprio­tIn­nen. Dann könn­te sich mit der Zeit das Ver­hält­nis nor­ma­li­sie­ren. „Aber das wird nicht pas­sie­ren.“ Immer mehr Tür­kin­nen und Tür­ken vom Fest­land und ande­re Zuge­reis­te zie­hen in den Nor­den der Insel, kau­fen Land, ver­drän­gen die ursprüng­li­chen Bewoh­ne­rIn­nen. Dadurch ver­lie­ren tür­ki­sche Zyprio­ten ihre Iden­ti­tät.

All das hier ist das Land von mei­nem Ehe­mann.

Wir rol­len eine Stra­ße hin­un­ter, Rich­tung Meer. Es ist dun­kel, nur die Schein­wer­fer des Autos leuch­ten. „So, wir betre­ten jetzt mein Eigen­tum. All das hier ist das Land von mei­nem Ehe­mann.“ Das Grund­stück ist rie­sig: ein Haus mit Gar­ten, ein Restau­rant und ein Wald­stück. Aber leben kann sie mit ihrer Fami­lie hier nicht. So geht es nicht nur Kat­ies Fami­lie. Vie­le Zyprio­tIn­nen lei­den dar­un­ter.


Einsteins im TV: die geteilte Hauptstadt Nikosia könnt ihr in Zwei Völker: ein Trauma. Grenzerfahrungen auf Zypern sehen.


Als Fol­ge der Inva­si­on der tür­ki­schen Armee hat Zypern 37 Pro­zent sei­nes Staats­ge­bie­tes ver­lo­ren. Die­se 37 Pro­zent wur­den zur tür­ki­schen Repu­blik Nord­zy­pern. Ein Jahr nach Beginn der Inva­si­on wur­den die im Nor­den ver­blie­be­nen Grie­chIn­nen mit den im Süden ver­blie­be­nen Tür­ken aus­ge­tauscht. 48 000 Men­schen wan­der­ten in den Nor­den und 162 000 in den Süden. Bis zum April 2003, also 28 Jah­re lang, blieb die Gren­ze geschlos­sen. Vie­le Zyprio­tIn­nen, sowohl grie­chi­sche als auch tür­ki­sche, ver­lo­ren damals alles. Sie muss­ten all ihr Hab und Gut, ihre Grund­stü­cke, ein­fach so zurück­las­sen – ohne Chan­ce, je wie­der etwas davon ihr Eigen nen­nen zu kön­nen.

Jetzt fah­ren wir in den Gar­ten.“ Sie klingt erschöpft. Die Schein­wer­fer des Autos strah­len einen gro­ßen Hof voll mit Kie­sel­stei­nen und ein paar klei­nen Büschen vor einem gro­ßen wei­ßen Haus an. Die Bediens­te­ten des Restau­rants woh­nen jetzt hier. „Das war das Restau­rant von mei­nem Ehe­mann, von sei­ner Fami­lie.“ Die Tür­kIn­nen woll­ten ihrem Mann das Grund­stück abkau­fen. Doch er wei­ger­te sich. Eine Erlaub­nis, das Grund­stück, das Haus oder das Restau­rant sei­ner Fami­lie zu nut­zen, hat er nie jeman­dem aus­ge­spro­chen – und trotz­dem betrei­ben Frem­de sein Restau­rant und woh­nen in sei­nem Haus.

Der Tag der Inva­si­on

Seit dem 20. Juli 1974 wer­den die Eltern und die Schwes­ter von Kat­ies Ehe­mann ver­misst. Sie waren hier, als die tür­ki­schen Inva­si­ons­trup­pen lan­de­ten. Kat­ies spä­te­rer Mann war in den Ber­gen, gegen die Put­schis­ten kämp­fen, „sein Land ver­tei­di­gen“. Sei­ne Mut­ter stell­te immer eine wei­ße Ker­ze in ein Fens­ter, falls etwas nicht in Ord­nung war. Des­we­gen kam er am 20. Juli, dem Tag der Inva­si­on, mit sei­nem Auto die Ber­ge run­ter zu sei­nem Eltern­haus – er hat­te die Ker­ze erspäht. Er konn­te schon die tür­ki­schen Schif­fe Rich­tung Strand fah­ren sehen. Kat­ie erzählt: „Aber im Restau­rant war nie­mand. Im Haus auch nicht. Dann hör­te er, wie die Schif­fe began­nen, die Küs­te zu beschie­ßen.“ Seit der Inva­si­on wer­den 1 619 Per­so­nen ver­misst.

Wir fah­ren aus dem Hof und hal­ten 40 Meter von Kat­ies Haus ent­fernt auf dem Nach­bar­grund­stück „Das hier vor­ne ist das tür­ki­sche Monu­ment zu Ehren der tür­ki­schen Inva­si­ons­trup­pen. Das ist der Ort, an dem die tür­ki­schen Trup­pen ange­lan­det sind. In die­ser Bucht hier.“ Sie bewegt sich nicht, ist tief in ihren Sitz gesun­ken: „Es ist ein­fach genau hier pas­siert…“, ihre Hän­de umklam­mern immer noch das Lenk­rad. Das Auto steht direkt vor dem Monu­ment, das zwi­schen den Bäu­men her­vor­ragt. Ein Dut­zend wei­ßer, lan­ger Metall­plat­ten ragen schräg in den Him­mel. Dar­über thront im Nacht­him­mel ein Halb­mond. Zusam­men mit der Stra­ßen­be­leuch­tung lässt das die wei­ßen Stahl­plat­ten röt­lich schim­mern.

Ich hat­te viel Hass in mir.

Wir wen­den und fah­ren auf die Haupt­stra­ße, zurück in Rich­tung Hafen. Kat­ie ist immer noch ruhig, kei­ne „Cra­zy-Lady“ mehr wie am Nach­mit­tag. Sie öff­net ihr Fens­ter um ein paar Zen­ti­me­ter. Die Mee­res­luft wärmt, nach der Käl­te der letz­ten Minu­ten. „Ich hat­te viel Hass in mir. Ich muss­te viel an mir arbei­ten um ihn los­zu­wer­den. Ich woll­te mei­ne Kin­der ein­fach nicht mit Hass auf­wach­sen las­sen.“ Auch wenn sie nicht dar­an glaubt, dass der Zypern-Kon­flikt je gelöst wird, hofft sie wei­ter. Sie fühlt sich geseg­net, auf Zypern gebo­ren wor­den zu sein — obwohl die Men­schen hier so viel ertra­gen muss­ten. 


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