Ukraine: Verlorene Heimat

© Pascha Port

Zer­stör­te Kar­rie­ren, zer­ris­se­ne Fami­li­en, Zukunfts­angst. Ein Krieg in der Ost­ukrai­ne – mit­ten in Euro­pa. Vier Geschich­ten.


von Lena-Luisa Maier, Miriam Schäfer und Johanna Steinlen

Stellt euch vor, ihr lebt und es ist alles fest. Ihr habt Plä­ne, eine Arbeit und Fami­lie. Ihr baut euer Leben auf – ihr plant es. Und dann kommt der Punkt, an dem ihr alles ver­liert. Alles was ihr hat­tet. Der Krieg hat unser kom­plet­tes Leben ver­än­dert und man kann es nicht mehr zurück­ho­len.“ Natal­ja

Seit 2014 herrscht Krieg in der Ost­ukrai­ne. Nie­mand dach­te damals, dass sich die Situa­ti­on immer wei­ter zuspit­zen und bis heu­te andau­ern wür­de. In der All­tags­spra­che wird mitt­ler­wei­le oft von Krieg oder Kon­flikt gespro­chen – manch­mal auch von Bür­ger­krieg. Russ­land hin­ge­gen hat bei­spiels­wei­se Inter­es­se dar­an, es als inter­nen Kon­flikt dar­zu­stel­len. Inzwi­schen sind Tei­le der Gebie­te Luhansk und Donezk von pro­rus­si­schen Sepa­ra­tis­ten besetzt, die sich von der Ukrai­ne abgren­zen wol­len. Die ukrai­ni­sche Regie­rung hat die­se Regio­nen nicht mehr unter Kon­trol­le.

Quel­le: United Nati­ons (bear­bei­tet)

An der Front ste­hen sich ukrai­ni­sche Sol­da­ten und pro­rus­si­sche Sepa­ra­tis­ten mit rus­si­scher Unter­stüt­zung gegen­über. Bis Ende 2018 sind in die­sem Kon­flikt etwa 13 000 Men­schen getö­tet und cir­ca 30 000 ver­letzt wor­den. Die­se Zah­len ver­öf­fent­lich­ten die Ver­ein­ten Natio­nen (UN). Es trifft Zivi­lis­ten und Sol­da­ten auf bei­den Sei­ten. Die genaue poli­ti­sche Lage ist unklar. Das UN-Flücht­lings­kom­mis­sa­ri­at erklär­te am 28. Juli 2014 für die Gebie­te Luhansk und Donezk den tota­len Zusam­men­bruch von Recht und Ord­nung – Frei­heits­be­rau­bung, Ent­füh­rung, Fol­ter und Exe­ku­ti­on. Aus den besetz­ten Gebie­ten drin­gen kaum Infor­ma­tio­nen nach außen. Eine freie Bericht­erstat­tung ist nicht mög­lich. Vier Men­schen erzäh­len Ein­steins, wie sich ihr Leben durch den Krieg ver­än­dert hat.

Quel­le: United Nati­ons (bear­bei­tet, ergänzt und über­setzt)

Ich denke, die Stadt ist ohne Zukunft.“

Von außen wirkt Sym­on (24) wie ein schüch­ter­ner jun­ger Mann. Fängt er an zu spre­chen, über­rascht er mit einer lau­ten, kräf­ti­gen Stim­me. Sym­on inter­es­siert sich für Geschich­te, da kennt er sich aus. Auch sei­nen Bache­lor hat er in die­sem Fach gemacht. Bis Sym­on 19 Jah­re alt war, leb­te er mit sei­ner Fami­lie in Donezk. Wie sich sei­ne Hei­mat­stadt zwi­schen 2013 und 2014 ver­än­der­te, bekam er haut­nah mit.

Die welt­wei­te Wirt­schafts- und Finanz­kri­se im Jahr 2008 traf die Ukrai­ne beson­ders stark. Das Wirt­schafts­wachs­tum brach ein, die Expor­te gin­gen zurück, die Arbeits­lo­sig­keit stieg an. Ande­re Län­der erhol­ten sich, die Ukrai­ne nicht. Sym­on erzählt, dass die Stim­mung 2013 in Donezk sehr schlecht war. Wirt­schaft­lich ging es den Men­schen nicht gut. In den Haus­halts­wa­ren­lä­den sei­ner Eltern kauf­te kaum noch jemand ein. Sei­ne Fami­lie hoff­te, wie vie­le ande­re auch, auf ein Abkom­men mit der Euro­päi­schen Uni­on (EU), das der dama­li­ge Prä­si­dent Wik­tor Janu­ko­wytsch im Herbst unter­schrei­ben woll­te. Doch der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Putin droh­te der Ukrai­ne mit Han­dels­nach­tei­len. Die Fol­ge: Janu­ko­wytsch unter­schrieb das Abkom­men nicht.

Widerstand

Wir müs­sen etwas machen, wir müs­sen pro­tes­tie­ren. Wenn wir nicht pro­tes­tie­ren, wer­den wir immer in die­sem schlech­ten Zustand blei­ben.“ An die Wor­te sei­nes Onkels kann sich Sym­on noch gut erin­nern. Und so geht sei­ne Fami­lie auf die Stra­ße und pro­tes­tiert. Sei­ne Mut­ter, von Beruf Künst­le­rin, stellt ein selbst­ge­mal­tes Bild vor dem Regie­rungs­ge­bäu­de auf – das Wap­pen der Ukrai­ne, umkreist von den EU-Ster­nen. Auch Sym­on ver­teilt in sei­ner Uni­ver­si­tät blaue Auf­kle­ber mit gel­ben Ster­nen, dar­auf steht: „Wir exis­tie­ren.“ Kon­se­quen­zen gibt es für Sym­on nicht. „In der Uni­ver­si­tät war das nicht so streng, da konn­te man sei­ne Mei­nung noch frei äußern. Auf der Stra­ße dage­gen muss­te man vor­sich­tig sein“, sagt er.

Das spü­ren auch sei­ne Eltern. Die Pro­tes­te vor den Regie­rungs­ge­bäu­den wer­den immer gewalt­sa­mer. Vie­le Men­schen wer­den mit Stei­nen und Mes­sern ver­letzt und lan­den im Kran­ken­haus. Wegen einer ukrai­ni­schen Flag­ge, die Sym­ons Eltern am Auto hän­gen haben, wer­den die Fens­ter ein­ge­schla­gen. „Zu die­ser Zeit sind auch Pan­zer ein­ge­fah­ren“, erin­nert sich Sym­on. Das ist das ers­te Mal, dass Sym­on bemerkt, wie ernst die Lage wirk­lich ist. Und auch sei­ne Eltern wer­den vor­sich­ti­ger, neh­men die Flag­ge vom Auto. „Sonst wäre das Auto wie­der kaputt gewe­sen, oder etwas noch Schlim­me­res wäre pas­siert.“

Sym­on ist Jude. Des­halb bekommt er auch mit, wie in der jüdi­schen Gemein­de in Donezk Zet­tel ver­teilt wer­den. Dar­auf wer­den alle Juden auf­ge­for­dert, sich in Donezk bei der Regie­rung, die unter der Kon­trol­le von pro­rus­si­schen Sepa­ra­tis­ten steht, regis­trie­ren zu las­sen. War­um, weiß Sym­on nicht, aber er fand es „unheim­lich, weil das wie in der Nazi-Zeit war“.

Raus aus Donezk

Im Som­mer 2014 hofft Sym­on noch, dass alles wie­der nor­mal wird. Bis sein Groß­va­ter eines Tages vom Markt zurück­kommt und erzählt, dass die gan­ze Stadt vol­ler Sol­da­ten sei. Die Fami­lie beschließt end­gül­tig zu gehen. Sym­on ver­lässt sei­ne Hei­mat mit einem mul­mi­gen Gefühl. „Über­all in der Stadt waren Men­schen mit Waf­fen und am Haupt­bahn­hof stand ein Mann mit mili­tä­ri­scher Klei­dung und hat Kriegs­lie­der gesun­gen – das war ein biss­chen unheim­lich.“

Zwei Jah­re lang wohn­te sei­ne Fami­lie bei Ver­wand­ten in Dnipro, unge­fähr sechs Auto­stun­den von ihrer frü­he­ren Hei­mat ent­fernt.  „Mir ging es nicht so schlecht dort, aber mei­nen Eltern. Denn sie hat­ten kei­ne Arbeit und auch kei­ne Zukunft dort.“ Die frü­he­ren Geschäf­te sei­ner Eltern konn­ten auf­grund des Krie­ges und der Armut in Donezk nicht ver­kauft wer­den.

2016 stell­ten Sym­ons Eltern einen Antrag in der deut­schen Bot­schaft, um nach Deutsch­land zu dür­fen. Sie woll­ten sich eine neue Zukunft auf­bau­en und sahen ihre Chan­ce in Deutsch­land. Seit 2017 wohnt Sym­on mit sei­nen Eltern, sei­nem jün­ge­ren Bru­der und sei­nen Groß­el­tern in Baden-Würt­tem­berg. Er hat sich gut ein­ge­lebt, kann sich aber vor­stel­len, zurück in die Ukrai­ne zu gehen. Aller­dings nicht zurück in sei­ne Hei­mat­stadt Donezk. „Ich den­ke, die Stadt ist ohne Zukunft.“

Die Stadt ist zerstört und die Leute da sind Fremde.“

Auch Ole­na (36) sieht für sich kei­ne Zukunft in der Stadt Donezk. Anders als Sym­on konn­te sie sich auf ihren Umzug aber nicht vor­be­rei­ten. Denn als sie ihre Hei­mat­stadt Donezk ver­ließ, ahn­te sie nicht, dass sie so schnell nicht mehr zurück­kom­men wür­de.

Som­mer 2014. Ole­na hat frei und möch­te ihren Mann besu­chen. Er kommt auch aus der Ost­ukrai­ne, stu­diert aber gera­de in Deutsch­land.  Ole­na ist 31 Jah­re alt und steht am Anfang ihrer Kar­rie­re. Sie unter­rich­tet an einer Uni­ver­si­tät in Donezk, liebt ihren Job und ihre Kol­le­gen. „Ich war genau an mei­nem Platz“, erzählt Ole­na. Umso här­ter trifft sie bei ihrem Besuch in Deutsch­land die Nach­richt, dass bewaff­ne­te Sol­da­ten in Donezk ein­mar­schiert sind. Ihre Eltern und Freun­de raten ihr davon ab, zurück­zu­kom­men. Seit­her war sie nicht mehr in Donezk, sie hat alles dort gelas­sen: Ihre Kar­rie­re, ihre Freun­de und für sie am Schlimms­ten: ihre Eltern. „Es ist zu gefähr­lich. Wenn ich hin­ge­he, kom­me ich viel­leicht nicht wie­der“, sagt sie.

Zukunftsangst

Was pas­siert nun mit mir?“, fragt sich Ole­na in die­ser Zeit. Ein Pro­blem folgt dem nächs­ten. Nach ein paar Wochen läuft ihr Tou­ris­ten­vi­sum ab und sie reist zurück in die Ukrai­ne. Um wei­ter in Deutsch­land leben zu dür­fen, muss sie eine Sprach­prü­fung bestehen. Sie zieht für eini­ge Wochen zurück – aller­dings in die Mit­te der Ukrai­ne nach Kiew. Dort wohnt sie in einem Hotel und lernt unun­ter­bro­chen Deutsch. „Ange­bot und Rabatt waren bis dahin die ein­zi­gen deut­schen Wör­ter, die ich kann­te.“ Auch wenn sie jetzt dar­über lachen kann, erin­nert sie sich gut dar­an, wie schlimm die Situa­ti­on für sie war, weil ihre Kar­rie­re so schlag­ar­tig vor­bei war. „Für mich bin ich kei­ne Haus­frau.“ In Deutsch­land war sie das aber. Gezwun­ge­ner­ma­ßen. Jetzt, nach fünf Jah­ren, hat sie zwar einen Job, kann sich aber nicht vor­stel­len, in ihren alten Beruf zurück­zu­keh­ren. „Ich bin Per­fek­tio­nis­tin. Das Sprach­ni­veau, um an einer Uni­ver­si­tät zu unter­rich­ten, wer­de ich nie­mals haben.“ Trotz­dem ist Ole­na froh, dass sie durch ihren Mann nach Deutsch­land kom­men konn­te. Am liebs­ten hät­te sie auch ihre Eltern hier, aber die kön­nen die Groß­mutter in Donezk nicht allein las­sen.

Bomben und Schuldgefühle

Ole­na pla­gen Schuld­ge­füh­le. Schuld­ge­füh­le, weil sie in Sicher­heit ist, aber ihre Fami­lie und ihre Freun­de nicht. Im ers­ten Jahr quält sie sich damit, sich rund um die Uhr über die Ereig­nis­se in Donezk zu infor­mie­ren. Sie möch­te ihren Freun­den und ihrer Fami­lie dadurch nah sein. „Mei­ne Freun­de erzäh­len immer, wie viel Angst sie haben und ich kann nie sagen: Ja, ich weiß, wie das ist“.

Um die Psy­che ihrer Eltern sorgt sie sich am meis­ten. Vor allem im ers­ten Jahr sind unun­ter­bro­chen Bom­ben nahe dem Haus ihrer Eltern abge­wor­fen wor­den. Zeit­wei­se kann Ole­nas Mut­ter das Haus gar nicht ver­las­sen, weil es drau­ßen zu gefähr­lich ist. Ihre Mut­ter hat stark abge­nom­men. Ole­na glaubt, das lie­ge an der stän­di­gen Anspan­nung. Sie erklärt: „Eine Bom­be kann jede Minu­te ein­schla­gen. Jede Sekun­de weißt du nicht, ob du wei­ter­lebst oder nicht.“ Ole­na erzählt auch, dass sich ihre Mut­ter so an das Pfei­fen der Bom­ben gewöhnt hat, dass sie mitt­ler­wei­le mehr Angst hat, wenn es mal still ist.

Das Referendum

Ole­na hat ihre Eltern, seit sie Donezk 2014 ver­las­sen hat, nicht mehr besucht. Um in das Gebiet zu kom­men, müss­te sie eine bewach­te Gren­ze über­que­ren. Auf bei­den Sei­ten der Gren­ze ste­hen bewaff­ne­te Sol­da­ten. „Es ist töd­lich da. Es kann alles pas­sie­ren, es gibt kei­ne Geset­ze.“ Sie ist immer noch fas­sungs­los, wenn sie an das denkt, was in ihrer Stadt alles pas­siert ist. Zum Bei­spiel das Refe­ren­dum in Donezk, das 2014 klä­ren soll­te, ob Tei­le der Ost­ukrai­ne unab­hän­gig wer­den woll­ten. Die Wahl lief alles ande­re als fair ab: mehr­fa­che Stimm­ab­ga­ben, bewaff­ne­te Wahl­be­ob­ach­ter, vage Abstim­mungs­fra­ge. Das Refe­ren­dum, das auf kei­ner Rechts­grund­la­ge basier­te, wur­de inter­na­tio­nal nicht aner­kannt. Ole­na hat sich bei der Wahl ent­hal­ten. Danach hat sie ihre Freun­de und Fami­lie gefragt, was sie auf dem Zet­tel ange­ge­ben hät­ten. „Kei­ner hat ver­stan­den, wor­um es ging. Jeder von ihnen hat mir etwas ande­res erzählt, was dort als Fra­ge über­haupt gestellt wur­de.“

Für Ole­na ist ihre Hei­mat­stadt nicht mehr ihre Hei­mat­stadt. So zu füh­len und das zu sagen, ist ihr pein­lich. „Die Stadt ist zer­stört und die Leu­te da sind Frem­de“, sagt sie. Im Moment will sie nicht zurück in die Ukrai­ne. Deutsch­land bedeu­tet für Ole­na Zukunft und Sicher­heit. All das, was ihr Donezk nicht mehr bie­ten kann.

Man sieht ihnen an, dass sie weinen.“

Ihor (27) aus Lwiw war 2014 gera­de ein­mal 22 Jah­re alt und mit­ten in sei­ner Aus­bil­dung zum Pries­ter im ruhi­gen, west­li­chen Teil der Ukrai­ne. Zusam­men mit Stu­di­en­freun­den und ande­ren Frei­wil­li­gen hat er sich im Dezem­ber vor­ge­nom­men, Weih­nach­ten an die Front zu brin­gen. Die Grup­pe ging von Haus zu Haus, führ­te die Weih­nachts­ge­schich­te auf und sam­mel­te dabei Spen­den. Haupt­säch­lich Essen und war­me Klei­dung. 

Denn die Ukrai­ne war nicht bereit für den Krieg. „Wir waren wie Kano­nen­fut­ter“, sagt er. Das Land habe kei­ne Armee gehabt, an der Front kämpf­ten haupt­säch­lich Frei­wil­li­ge. Den Umgang mit Waf­fen hät­ten sie nie gelernt. Vie­le, vor allem sehr jun­ge Män­ner zwi­schen 18 und 22 Jah­ren, kämpf­ten an der Front. „Und es war so kalt“, sagt Ihor. Er erzählt von den Sol­da­ten in wei­ßen Uni­for­men, die sie tru­gen, damit sie im Schnee nicht ent­deckt wer­den konn­ten.

Glücksbringer unter der Erde

Die Sol­da­ten wohn­ten in ver­las­se­nen Häu­sern und Erd­lö­chern. Wie in einer Art Bom­ben­kel­ler. Dun­kel und feucht. Bil­der von den Sol­da­ten, die er besuch­te, hat Ihor nicht. Denn nie­mand woll­te sei­ne Iden­ti­tät preis­ge­ben. „Das ist zu gefähr­lich für die Fami­li­en“, sagt er. In den Erd­lö­chern hät­ten die Sol­da­ten vie­le Tie­re gehabt. Sozu­sa­gen als Glücks­brin­ger. Sie waren für die jun­gen Män­ner emo­tio­nal sehr wich­tig. Ihor hat die Kat­ze „Gra­na­te“ ken­nen­ge­lernt. Die Tie­re kamen zu ihnen, weil sie sonst kei­ner füt­ter­te. Wenn plötz­lich alle ver­schwan­den, wuss­ten die Sol­da­ten, dass etwas Schlim­mes pas­sie­ren wird. Der Glau­be dar­an gehe sogar so weit, dass die Män­ner eine gespen­de­te Weih­nachts­en­te nicht schlach­ten woll­ten. Laut Ihor waren sich alle einig: „Einen Talis­man essen wir nicht.“

Bei dem Besuch an der Front hat Ihor nicht viel mit den Sol­da­ten über den Krieg gespro­chen. Doch er erzählt: „Man sieht ihnen an, dass sie viel wei­nen. Und sie trin­ken viel, sie woh­nen ein­fach in der Erde.“ Ihor schüt­telt den Kopf und schaut nach unten auf sei­ne Hän­de. „Ich fin­de es schlimm“, sagt er, „wir sit­zen zusam­men, spre­chen und essen mit die­sen Men­schen und am nächs­ten Tag kommt einer nicht mehr zurück und dann heißt es: Er wur­de erschos­sen.“

Verlorene Söhne

Obwohl Ihor nur eine Woche an der Front unter­wegs war, sagt er selbst, dass der Besuch sein Leben ver­än­dert habe. Für sein Stu­di­um lebt er mitt­ler­wei­le in Deutsch­land. Den Krieg ver­ges­sen kann und will er aber nicht. Denn die Müt­ter, deren Söh­ne kämp­fen, könn­ten den Krieg auch nicht ein­fach ver­ges­sen. Des­halb schaut er regel­mä­ßig die ukrai­ni­schen Nach­rich­ten. „Es tut weh, wenn du jeden Tag siehst, dass dein Volk kämpft und Leu­te ster­ben.“ In den deut­schen Medi­en fin­det er dage­gen kaum etwas zu dem Kon­flikt.

Erst vor ein paar Mona­ten sei ein Freund von ihm ums Leben gekom­men. Er erin­nert sich an einen Urlaub mit ihm am Meer und dar­an, wie viel Spaß sie hat­ten. „Und dann siehst du ein Foto von sei­nem Grab.“ Vie­le jun­ge Men­schen, die noch nichts von der Welt gese­hen hät­ten, lägen jetzt im Grab, sagt Ihor. „Ihr habt das auch, aus dem Zwei­ten Welt­krieg – aber unse­re Grä­ber sind frisch.“

Mitt­ler­wei­le, nach fünf Jah­ren Krieg, ist die Ukrai­ne bes­ser dar­in gewor­den, einen Krieg zu füh­ren. Sie haben eine Armee und aktu­ell wer­den kei­ne neu­en Gebie­te mehr besetzt. Doch vor Kur­zem hat Russ­land ange­fan­gen, in den beset­zen Gebie­ten in der Ukrai­ne rus­si­sche Päs­se zu ver­tei­len. Dar­über berich­te­te unter ande­rem die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung. Die­se erklärt in einem Arti­kel, dass so der „Schutz rus­si­scher Bür­ger“ als Vor­wand für einen regu­lä­ren Mili­tär­ein­marsch die­nen könn­te.

Schlimm ist für Ihor, dass die schreck­li­chen Nach­rich­ten von Toten und Ver­letz­ten nicht auf­hö­ren. „Nie­mand braucht das“, sagt er. Wenn Ihor dar­über spricht, liegt sei­ne Stirn in Fal­ten, sei­ne Stim­me wird lau­ter und sei­ne Sät­ze kom­men sel­ten mit einem Punkt zum Ende. Für ihn ist das Schlimms­te, dass er nichts dage­gen tun kann und sonst auch kei­ner etwas macht: „Euro­pa schweigt.“

Der Krieg hat unser komplettes Leben verändert.“

Natal­ja kom­men die Trä­nen. Direkt bei der ers­ten Fra­ge, direkt in der ers­ten Minu­te. Ihre Geschich­te zu erzäh­len, fällt ihr nicht leicht. Ein Foto von sich möch­te sie nicht machen las­sen. Sie fühlt sich nicht sicher.

Natal­ja ist 41 Jah­re alt und kommt aus Make­jew­ka, einer Stadt im Donezk-Gebiet, die nicht mehr unter ukrai­ni­scher Kon­trol­le ist. „Der Krieg hat ganz plötz­lich ange­fan­gen“, sagt Natal­ja. Sie habe zunächst gar nicht ver­stan­den, dass jetzt wirk­lich Krieg sei. Um sie her­um sind die meis­ten Bewoh­ner der Stadt geflüch­tet. „Ich konn­te nicht so ein­fach weg­fah­ren, ich hat­te ja ein Kind.“ Und so begann 2014 ihr Leben vor ihren Augen zusam­men­zu­bre­chen.

Grenzgängerin

Natal­ja unter­rich­tet damals an einer Uni­ver­si­tät Wirt­schaft. Durch die Unru­hen und die Beset­zung in der Stadt muss die Uni­ver­si­tät erst schlie­ßen, spä­ter umzie­hen. So wie vie­le Uni­ver­si­tä­ten, die in den umkämpf­ten Gebie­ten lie­gen. Plötz­lich steht sie ohne Job da. Sie muss eine Ent­schei­dung tref­fen und beschließt, der Uni­ver­si­tät zu fol­gen. Sie zieht in ein klei­nes Zim­mer im 85 Kilo­me­ter ent­fern­ten Pokrowsk, das unter ukrai­ni­scher Kon­trol­le steht. Ihren Sohn Niko­la lässt sie bei den Groß­el­tern. Sie will ihn nicht aus sei­ner gewohn­ten Hei­mat, weg von sei­nen Freun­den und sei­ner Grund­schu­le, rei­ßen. Sie pen­delt so oft es geht den lan­gen Weg zwi­schen den bei­den Städ­ten hin und her. Dabei muss sie jedes Mal die stark bewach­te Gren­ze zu dem besetz­ten Gebiet über­que­ren. „Vie­le ster­ben da, weil sie es kör­per­lich nicht aus­hal­ten“, erzählt sie. Das pas­sie­re nicht jeden Tag, aber die­se Gren­ze sei eine Qual. Sie erzählt, dass die Schlan­gen vor der Gren­ze so lang sei­en, dass es ohne eine Über­nach­tung nicht gehe. In den Schlan­gen müs­sen die Men­schen zu Fuß anste­hen, mit dem Auto kön­nen sie nicht durch. „Es ist eine Ernied­ri­gung“, sagt sie. Das gehe soweit, dass man­che nur anste­hen wür­den, um ihre Plät­ze in der Schlan­ge spä­ter zu ver­kau­fen.

Kein Vertrauen in die Politik

Die Tren­nung von ihrem Sohn und die stän­di­gen Grenz­über­que­run­gen haben sie erschöpft. „Ich hat­te ein­fach kei­ne Kraft mehr.“  Des­halb holt Natal­ja ihren elf­jäh­ri­gen Sohn nach der Grund­schu­le zu sich.

Kon­takt in ihre Hei­mat zu hal­ten, sei schwie­rig: „Die Post arbei­tet ja nicht, wir kön­nen also nichts schi­cken.“ Und auch Tele­fon und Inter­net wer­den immer wie­der aus­ge­schal­tet, sodass sie manch­mal kei­ne Mög­lich­keit habe, ihre Freun­de oder Eltern zu errei­chen. Über Poli­tik möch­te Natal­ja eigent­lich gar nicht mehr spre­chen. Sie will sich da raus­hal­ten. Sie möch­te mit ihrem Sohn „ein­fach über­le­ben“. Wenn sie sich doch ein­mal poli­tisch infor­mie­ren möch­te, dann macht sie das über Foren im Inter­net. Denn was im Fern­se­hen läuft, sei alles rus­si­sche Pro­pa­gan­da.

Ihre Woh­nung in ihrer frü­he­ren Hei­mat­stadt Make­jew­ka kann sie nicht ver­kau­fen, weil es aktu­ell kaum Geld dafür gibt – dabei bräuch­te sie es drin­gend. Mit ihrem Sohn zusam­men in dem klei­nen Zim­mer zu woh­nen, sei schwie­rig. Natal­ja lei­det sehr unter die­ser Situa­ti­on. Sie sagt, dass ihre Gesund­heit ange­schla­gen sei. „Mei­ne Hei­mat­stadt ist dort geblie­ben — mei­ne Freun­de und Kol­le­gen sind in der gan­zen Ukrai­ne und dar­über hin­aus ver­streut.“ Natal­ja atmet ein­mal tief ein. „Stellt euch vor, ihr lebt und es ist alles fest. Ihr habt Plä­ne, eine Arbeit und Fami­lie. Ihr baut euer Leben auf – ihr plant es. Und dann kommt der Punkt, an dem ihr alles ver­liert. Alles was ihr hat­tet. Der Krieg hat unser kom­plet­tes Leben ver­än­dert und man kann es nicht mehr zurück­ho­len.“


Im Einsteins-Interview beantwortet Dr. Tatiana Zhurzhenko zwölf Fragen zum Ukraine-Konflikt.


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