Wir sind nicht nur auf dem Papier viele!

Gewerk­schaf­ten gel­ten seit jeher als Inbe­griff von Soli­da­ri­tät. Vor gut zwei Jahr­hun­der­ten haben Arbeitnehmer*innen ers­te Vor­läu­fer ins Leben geru­fen. Die Anfän­ge waren beschwer­lich, mitt­ler­wei­le sind sie aber in vie­len Bran­chen fes­ter Bestand­teil unse­rer Gesellschaft.

Text: Lau­ra Feu­er­lein, Jona­than Gut­hy, Lisa-Maria Schröp­fer, Alex­an­der Steger

ein­steins. Interview

Was heu¬≠te f√ľr Arbeitnehmer*innen selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich ist, muss¬≠te hart erk√§mpft wer¬≠den. Der stell¬≠ver¬≠tre¬≠ten¬≠de Bun¬≠des¬≠vor¬≠sit¬≠zen¬≠de der SPD, Kevin K√ľh¬≠nert, erin¬≠nert im Gespr√§ch mit ein¬≠steins. an die Rele¬≠vanz von Gewerk¬≠schaf¬≠ten f√ľr die Demo¬≠kra¬≠tie und blickt auf die gewerk¬≠schaft¬≠li¬≠che Situa¬≠ti¬≠on w√§h¬≠rend der Coro¬≠na-Pan¬≠de¬≠mie. Au√üer¬≠dem erkl√§rt der Direk¬≠tor des Insti¬≠tu¬≠tes f√ľr Sozia¬≠le Bewe¬≠gung an der Ruhr-Uni¬≠ver¬≠si¬≠t√§t Bochum, Ste¬≠fan Ber¬≠ger, im Inter¬≠view mit ein¬≠steins. die Moti¬≠ve zur Gr√ľn¬≠dung von gewerk¬≠schaft¬≠li¬≠chen Zusam¬≠men¬≠schl√ľs¬≠sen. In einem Zeit¬≠strahl zur Gewerk¬≠schafts¬≠his¬≠to¬≠rie beleuch¬≠ten ein¬≠steins. und Ber¬≠ger au√üer¬≠dem Mei¬≠len¬≠stei¬≠ne der Entstehungsgeschichte. 

Bil¬≠du¬≠el¬≠le: IGM Gesch√§fts¬≠stel¬≠le N√ľrnberg

‚ÄěEs braucht ein gewis¬≠ses Drohpotenzial‚Äú

Kevin K√ľh¬≠nert, Juso-Bundesvorsitzender

Den Tag der Arbeit mit tra­di­tio­nel­len Groß­de­mons­tra­tio­nen am 1. Mai zu bege­hen, konn­te 2020 erst­mals nur online statt­fin­den. Nach dem beschwer­li­chen Weg der flä­chen­de­cken­den Lega­li­sie­rung von Arbeiter*innenprotesten, ste­hen Gewerk­schaf­ten nun wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie vor der nächs­ten gro­ßen Her­aus­for­de­rung. Die hart­nä­cki­gen Kämp­fe der Arbeitnehmer*innen, die unten im Zeit­strahl detail­lier­ter betrach­tet wer­den, haben sich gelohnt.

War¬≠um es sinn¬≠voll ist, als Arbeitnehmer*in Teil einer Gewerk¬≠schaft zu sein, wel¬≠che Leh¬≠ren wir aus der Coro¬≠na-Kri¬≠se zie¬≠hen k√∂n¬≠nen und war¬≠um das Ein¬≠ste¬≠hen f√ľr gemein¬≠schaft¬≠li¬≠che Wer¬≠te ein wich¬≠ti¬≠ges Gut unse¬≠rer Demo¬≠kra¬≠tie ist: Der stell¬≠ver¬≠tre¬≠ten¬≠de Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de der SPD und Juso-Bun¬≠des¬≠vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Kevin K√ľh¬≠nert, 30, √ľber die Bedeu¬≠tung von Gewerkschaften.

Bild¬≠quel¬≠le: SPD

Herr K√ľh¬≠nert, war¬≠um soll¬≠te man als Arbeitnehmer*in Teil einer Gewerk¬≠schaft sein?

Am Ende ist es ja immer der Arbeit¬≠ge¬≠ber, mit dem ich mei¬≠ne Urlaubs¬≠an¬≠spr√ľ¬≠che, den Lohn, die Arbeits¬≠zeit und auch mei¬≠ne Arbeits¬≠be¬≠din¬≠gun¬≠gen aus¬≠hand¬≠le. Und zwi¬≠schen Arbeit¬≠ge¬≠ber und Arbeit¬≠neh¬≠mer gibt es ein Macht¬≠ge¬≠f√§l¬≠le. Wir leben nun mal nicht in einer idea¬≠len Welt, in der wir alle einen Super-Arbeit¬≠ge¬≠ber haben, der immer nur das Bes¬≠te f√ľr uns m√∂ch¬≠te. Es geht also f√ľr Besch√§f¬≠tig¬≠te dar¬≠um, die eige¬≠nen Inter¬≠es¬≠sen best¬≠m√∂g¬≠lich zu ver¬≠tre¬≠ten. Und genau das funk¬≠tio¬≠niert am bes¬≠ten, wenn man sei¬≠ne Kr√§f¬≠te b√ľn¬≠delt und gemein¬≠sam und orga¬≠ni¬≠siert mit einem m√§ch¬≠ti¬≠gen Ver¬≠hand¬≠lungs¬≠part¬≠ner verhandelt. 

Sind Gewerk­schaf­ten also ein Zei­chen von Solidarität?

F√ľr mich gilt das alte Man¬≠tra: ‚ÄěGemein¬≠sam ist man st√§r¬≠ker‚Äú. Das ist auch das vor¬≠ran¬≠gi¬≠ge Prin¬≠zip von Gewerk¬≠schaf¬≠ten. Der Dach¬≠ver¬≠band Deut¬≠scher Gewerk¬≠schafts¬≠bund hat nahe¬≠zu sechs Mil¬≠lio¬≠nen Mit¬≠glie¬≠der. Und dar¬≠um geht‚Äôs: ernst genom¬≠men zu wer¬≠den vom Tarif¬≠part¬≠ner. Es braucht eben ein gewis¬≠ses Droh¬≠po¬≠ten¬≠zi¬≠al, sonst l√§chelt man¬≠cher Arbeit¬≠ge¬≠ber nur m√ľde. 

‚ÄěDas Ziel von Gewerk¬≠schaf¬≠ten ist nicht, Unter¬≠neh¬≠men plattzumachen. ‚Äú

Die jähr­li­chen Demons­tra­tio­nen am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, sind die­ses Jahr der Coro­na-Pan­de­mie zum Opfer gefal­len. War­um sind die­se Demons­tra­tio­nen wichtig?

Demons¬≠tra¬≠tio¬≠nen erf√ľl¬≠len meh¬≠re¬≠re Zwe¬≠cke. Einer¬≠seits das Ziel, For¬≠de¬≠run¬≠gen und Posi¬≠tio¬≠nen in den √∂ffent¬≠li¬≠chen Raum zu tra¬≠gen und ande¬≠re Men¬≠schen damit zu errei¬≠chen. Das muss¬≠ten wir die¬≠ses Jahr erst¬≠mals online durch¬≠f√ľh¬≠ren. Ande¬≠rer¬≠seits gibt es da aber eine noch viel wich¬≠ti¬≠ge¬≠re zwei¬≠te Funktion. 

Erkl√§¬≠ren Sie, bitte!

Die Demons¬≠tra¬≠tio¬≠nen zum Tag der Arbeit sind auch ein Zei¬≠chen von Selbst¬≠ver¬≠ge¬≠wis¬≠se¬≠rung in der Gewerk¬≠schafts¬≠be¬≠we¬≠gung. Zu wis¬≠sen und zu zei¬≠gen: Wir sind vie¬≠le und das eben nicht nur abs¬≠trakt auf dem Papier. Kon¬≠kret zu sehen, wel¬≠che Gr√∂¬≠√üe eine Gewerk¬≠schaft hat. Bun¬≠des¬≠weit f√ľr gemein¬≠sa¬≠me Inter¬≠es¬≠sen ein¬≠zu¬≠ste¬≠hen, egal aus wel¬≠cher Bran¬≠che. Das Ziel von Gewerk¬≠schaf¬≠ten ist nicht, Unter¬≠neh¬≠men platt¬≠zu¬≠ma¬≠chen. Die Nach¬≠hal¬≠tig¬≠keit und der Erhalt der Arbeits¬≠pl√§t¬≠ze ste¬≠hen im Fokus. 

Sys­tem­re­le­van­ten Beru­fen wur­de in den letz­ten Wochen ver­mehrt zuge­ju­belt und Respekt gezollt. Wird in der Bevöl­ke­rung ein Umden­ken statt­fin­den und wer­den die­se Berei­che in Zukunft auch finan­zi­ell mehr wertgeschätzt?

Ich bin eigent¬≠lich ein opti¬≠mis¬≠ti¬≠scher Mensch, aber die j√ľn¬≠ge¬≠re Geschich¬≠te lehrt uns, dass aus √∂ffent¬≠li¬≠chem Applaus und Aner¬≠ken¬≠nung eben nicht zwin¬≠gend bes¬≠se¬≠re Arbeits¬≠be¬≠din¬≠gun¬≠gen und bes¬≠se¬≠re Bezah¬≠lung gewor¬≠den sind. Nie¬≠mand soll¬≠te den¬≠ken, dass das in der n√§chs¬≠ten Lohn¬≠run¬≠de von allei¬≠ne l√§uft. Das ist nicht nur Auf¬≠ga¬≠be der Poli¬≠tik! Wir haben den Pfle¬≠ge¬≠min¬≠dest¬≠lohn mehr oder weni¬≠ger als L√ľcken¬≠b√ľ¬≠√üer ein¬≠ge¬≠f√ľhrt, auch weil es in dem Bereich zu wenig gewerk¬≠schaft¬≠li¬≠che Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on gibt. Es f√ľhrt kein Weg an einer bes¬≠se¬≠ren Orga¬≠ni¬≠sie¬≠rung vorbei.

Hat die aktu¬≠el¬≠le Kri¬≠se auch Vor¬≠tei¬≠le f√ľr Arbeitnehmer*innen?

Der Begriff Vor¬≠tei¬≠le klingt f√ľr mich etwas zynisch, ich sehe eher Leh¬≠ren als wich¬≠ti¬≠ges Resul¬≠tat aus die¬≠ser Pan¬≠de¬≠mie. Mit Sicher¬≠heit wird das nicht die letz¬≠te kri¬≠sen¬≠haf¬≠te Situa¬≠ti¬≠on auf dem Arbeits¬≠markt sein. Was man sehr deut¬≠lich sehen kann, ist, dass Per¬≠so¬≠nen, die unter einem Tarif¬≠ver¬≠trag arbei¬≠ten, momen¬≠tan ein¬≠fach viel bes¬≠ser gesch√ľtzt sind.

Rund sie¬≠ben Mil¬≠lio¬≠nen Arbeitnehmer*innen in Deutsch¬≠land bezie¬≠hen aktu¬≠ell Kurz¬≠ar¬≠bei¬≠ter¬≠geld, vie¬≠le m√ľs¬≠sen den¬≠noch nicht die Grund¬≠si¬≠che¬≠rung bean¬≠tra¬≠gen. Ist das ein Ver¬≠dienst der Gewerkschaften? 

Ein Blick in den Osten des Lan¬≠des zeigt uns auch: Dort sind weni¬≠ger Men¬≠schen gewerk¬≠schaft¬≠lich orga¬≠ni¬≠siert. Die Fol¬≠ge ist, dass in die¬≠sen Bun¬≠des¬≠l√§n¬≠dern aktu¬≠ell weit mehr Men¬≠schen als im Rest des Lan¬≠des Grund¬≠si¬≠che¬≠rung bean¬≠tra¬≠gen m√ľs¬≠sen. Auch, weil die durch¬≠schnitt¬≠li¬≠chen L√∂h¬≠ne nied¬≠ri¬≠ger sind. 

Eini¬≠ge Stim¬≠men aus der CDU/CSU for¬≠dern eine K√ľr¬≠zung des Min¬≠dest¬≠lohns. Wie kann die Wirt¬≠schaft des Lan¬≠des wie¬≠der ange¬≠kur¬≠belt werden?

Sicher¬≠lich nicht, wenn wir den Arbeit¬≠neh¬≠mern jetzt auch noch Geld weg¬≠neh¬≠men. Wir m√ľs¬≠sen Unter¬≠neh¬≠men unter der Bedin¬≠gung st√ľt¬≠zen, dass sie ihre Besch√§f¬≠tig¬≠ten sch√ľt¬≠zen. Und wir ent¬≠las¬≠ten jetzt gezielt Men¬≠schen, die nicht auf gro¬≠√üem Fu√ü leben. Der gesun¬≠de Men¬≠schen¬≠ver¬≠stand sagt uns, dass gera¬≠de die¬≠je¬≠ni¬≠gen mit klei¬≠ne¬≠ren Ein¬≠kom¬≠men ihr Geld sofort wie¬≠der in den Wirt¬≠schafts¬≠kreis¬≠lauf hin¬≠ein¬≠ge¬≠ben. Die letz¬≠te Erh√∂¬≠hung des Min¬≠dest¬≠lohns um 19 Cent war kaum mehr als der Infla¬≠ti¬≠ons¬≠aus¬≠gleich. Die¬≠je¬≠ni¬≠gen Besch√§f¬≠tig¬≠ten, die so sehr knap¬≠sen, nun als ers¬≠te f√ľr Ein¬≠spa¬≠run¬≠gen in den Blick zu neh¬≠men, das offen¬≠bart schon eine kras¬≠se Unverfrorenheit. 

Betriebs­rä­te ver­tre­ten die Inter­es­sen der Beleg­schaft eines Unter­neh­mens. War­um soll­ten sich Arbeitnehmer*innen inner­halb einer Fir­ma zusammenschließen?

Sozi¬≠al¬≠part¬≠ner¬≠schaft ist hier ganz wich¬≠tig. Nicht die Kapi¬≠tal¬≠sei¬≠te soll¬≠te ent¬≠schei¬≠den, was f√ľr ihre Sch√§f¬≠chen am bes¬≠ten ist, son¬≠dern in einer demo¬≠kra¬≠tisch m√ľn¬≠di¬≠gen Gesell¬≠schaft k√∂n¬≠nen Arbeit¬≠neh¬≠mer sel¬≠ber ihre Inter¬≠es¬≠sen ver¬≠tre¬≠ten und dem Arbeit¬≠ge¬≠ber geschlos¬≠sen und gemein¬≠sam gegen√ľbertreten. 

Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t ist f√ľr mich‚Ķ 

‚Äě‚Ķ das gemein¬≠sa¬≠me Ein¬≠ste¬≠hen von St√§r¬≠ke¬≠ren und Schw√§¬≠che¬≠ren f√ľr¬≠ein¬≠an¬≠der in einem gemein¬≠sa¬≠men Inter¬≠es¬≠se: dem Stre¬≠ben nach mehr Gerechtigkeit.‚Äú 

Gewerk­schaf­ten aus der Sicht eines Historikers

RUB, Bildredaktion

Bild¬≠quel¬≠le: RUB

Ste¬≠fan Ber¬≠ger, 56, ist Direk¬≠tor des Insti¬≠tu¬≠tes f√ľr Sozia¬≠le Bewe¬≠gung an der Ruhr-Uni¬≠ver¬≠si¬≠t√§t Bochum. Der Pro¬≠fes¬≠sor f√ľr Sozi¬≠al¬≠ge¬≠schich¬≠te und moder¬≠ne deut¬≠sche Geschich¬≠te legt einen Schwer¬≠punkt sei¬≠ner For¬≠schun¬≠gen auf Indus¬≠tri¬≠el¬≠les Erbe und die ver¬≠glei¬≠chen¬≠de Arbei¬≠ter- und Arbei¬≠ter¬≠be¬≠we¬≠gungs¬≠ge¬≠schich¬≠te. Im Gespr√§ch mit ein¬≠steins. beleuch¬≠tet er die his¬≠to¬≠ri¬≠schen Hin¬≠ter¬≠gr√ľn¬≠de der Gewerkschaften.

War¬≠um haben Arbeiter*innen √ľber¬≠haupt Gewerk¬≠schaf¬≠ten gegr√ľndet?

Gewerk¬≠schaf¬≠ten wur¬≠den gegr√ľn¬≠det, um Arbei¬≠tern eine st√§r¬≠ke¬≠re Stim¬≠me gegen¬≠√ľber den Unter¬≠neh¬≠mern zu geben. Die Arbei¬≠ter in einem Betrieb oder einer Bran¬≠che haben sich zusam¬≠men¬≠ge¬≠fun¬≠den, weil sie nat√ľr¬≠lich √ľber die Mas¬≠se ‚Äď also durch die vie¬≠len Mit¬≠glie¬≠der ‚Äď eine st√§r¬≠ke¬≠re Stim¬≠me hat¬≠ten gegen¬≠√ľber den Unter¬≠neh¬≠mern. Die besa¬≠√üen gegen¬≠√ľber dem ein¬≠zel¬≠nen Arbei¬≠ter deut¬≠lich mehr Macht. 

Sind Gewerk¬≠schaf¬≠ten his¬≠to¬≠risch betrach¬≠tet solidarisch? 

Genau. Es ist eine Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t, die einen bestimm¬≠ten Zweck ver¬≠folgt. Es ist also kei¬≠ne idea¬≠lis¬≠ti¬≠sche Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t. Die Leu¬≠te schlie¬≠√üen sich zusam¬≠men, weil sie glau¬≠ben, dass sie zusam¬≠men mehr Macht haben. Das hei√üt, sie sind unter¬≠ein¬≠an¬≠der als Mit¬≠glie¬≠der einer Gewerk¬≠schaft solidarisch. 

Was pas¬≠sier¬≠te zur Zeit des NS-Regimes? 

Am 2. Mai 1933 wur¬≠den die deut¬≠schen Gewerk¬≠schaf¬≠ten zer¬≠schla¬≠gen, die deut¬≠schen Gewerk¬≠schafts¬≠h√§u¬≠ser besetzt, vie¬≠le Gewerk¬≠schaft¬≠ler wur¬≠den ver¬≠haf¬≠tet, eini¬≠ge gefol¬≠tert, ande¬≠re ermor¬≠det, vie¬≠le muss¬≠ten ins Exil. Anstel¬≠le der Gewerk¬≠schaf¬≠ten trat die soge¬≠nann¬≠te Deut¬≠sche Arbeits¬≠front, die Arbei¬≠ter und Unter¬≠neh¬≠mer in einer Orga¬≠ni¬≠sa¬≠ti¬≠on ver¬≠ei¬≠ni¬≠gen soll¬≠te im Sin¬≠ne einer Volks¬≠ge¬≠mein¬≠schaft. Die frei¬≠en Gewerk¬≠schaf¬≠ten wur¬≠den abge¬≠schafft, weil sie den Natio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠ten ein Dorn im Auge waren. 

Eine Leh¬≠re, die die Gewerk¬≠schaf¬≠ten aus ihrer Unter¬≠dr√ľ¬≠ckung durch die Natio¬≠nal¬≠so¬≠zia¬≠lis¬≠ten zogen, war, dass sie eine Ein¬≠heits¬≠ge¬≠werk¬≠schaft woll¬≠ten. So ent¬≠stand der Deut¬≠sche Gewerk¬≠schafts¬≠bund, der DGB. 

Gab es eine Zeit, in der das Kon¬≠zept der Gewerk¬≠schaf¬≠ten als star¬≠ke Stim¬≠me der Arbeiter*innen h√§t¬≠te schei¬≠tern k√∂nnen? 

Ich w√ľr¬≠de sagen, die Gewerk¬≠schaf¬≠ten ste¬≠hen heu¬≠te in vie¬≠len L√§n¬≠dern unter einem gro¬≠√üen Druck. Die Bl√ľ¬≠te¬≠zeit der Gewerk¬≠schaf¬≠ten in den west¬≠li¬≠chen Staa¬≠ten war eigent¬≠lich die Zeit nach dem zwei¬≠ten Welt¬≠krieg bis in die 1970er Jah¬≠re. In die¬≠ser Zeit waren sie in vie¬≠len L√§n¬≠dern aner¬≠kann¬≠te, wich¬≠ti¬≠ge Tarif¬≠part¬≠ner. Hier kam es tat¬≠s√§ch¬≠lich dazu, dass Gewerk¬≠schaf¬≠ten erreich¬≠ten, dass L√∂h¬≠ne erh√∂ht, der Arbeits¬≠schutz ver¬≠bes¬≠sert wur¬≠de, die Arbeits¬≠zeit sank und so weiter. 

Ab den 70er Jah¬≠ren mit der √Ėlkri¬≠se 1973 und der Wirt¬≠schafts¬≠kri¬≠se gerie¬≠ten die Gewerk¬≠schaf¬≠ten immer mehr in die Defen¬≠si¬≠ve. Dazu kam, dass sich im wirt¬≠schaft¬≠li¬≠chen Den¬≠ken der Neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠lis¬≠mus immer st√§r¬≠ker durch¬≠setz¬≠te. Die¬≠ser beruht auf dem Glau¬≠ben an freie M√§rk¬≠te und ein frei¬≠es Unter¬≠neh¬≠mer¬≠tum, das durch nichts ein¬≠ge¬≠schr√§nkt wer¬≠den kann ‚Äď idea¬≠ler¬≠wei¬≠se weder durch den Staat noch durch Gewerkschaften. 

‚ÄěMar¬≠ga¬≠ret That¬≠cher hat sys¬≠te¬≠ma¬≠tisch Gewerk¬≠schaf¬≠ten zer¬≠st√∂rt, die einst zu den m√§ch¬≠tigs¬≠ten Euro¬≠pas geh√∂rten.‚Äú

Man sieht das beson¬≠ders gut im Gro√ü¬≠bri¬≠tan¬≠ni¬≠en der 1980er Jah¬≠re unter der dama¬≠li¬≠gen Regie¬≠rungs¬≠chefin Mar¬≠ga¬≠ret That¬≠cher. Sie hat sys¬≠te¬≠ma¬≠tisch Gewerk¬≠schaf¬≠ten zer¬≠st√∂rt, die einst zu den m√§ch¬≠tigs¬≠ten Euro¬≠pas geh√∂rten. 

Wie k√∂nn¬≠te die Zukunft der Gewerk¬≠schaf¬≠ten aussehen? 

Der ehe¬≠ma¬≠li¬≠ge DGB-Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Micha¬≠el Som¬≠mer hat das so for¬≠mu¬≠liert: ‚ÄěGewerk¬≠schaf¬≠ten sind das St√§rks¬≠te, was die Schwa¬≠chen haben.‚Äú Die Idee ist also, dass die¬≠je¬≠ni¬≠gen in der Gesell¬≠schaft, die weder reich noch m√§ch¬≠tig sind, etwas bewir¬≠ken k√∂n¬≠nen. In der Mas¬≠se ver¬≠f√ľ¬≠gen sie √ľber mehr Macht. Die¬≠se Grund¬≠idee der Gewerk¬≠schaf¬≠ten ist bis heu¬≠te wich¬≠tig f√ľr die Schwa¬≠chen in der Gesell¬≠schaft. Seit neu¬≠es¬≠tem fin¬≠det eine Dis¬≠kus¬≠si¬≠on statt, ob es nicht von Nut¬≠zen w√§re, wenn sich Gewerk¬≠schaf¬≠ten nicht nur auf den beruf¬≠li¬≠chen Aspekt unse¬≠res Lebens, son¬≠dern auch dar¬≠√ľber hin¬≠aus mit wei¬≠te¬≠ren Tei¬≠len unse¬≠rer Gesell¬≠schaft besch√§f¬≠ti¬≠gen. Sozu¬≠sa¬≠gen eine Gewerk¬≠schaft f√ľr das Leben vor Ort ganz all¬≠ge¬≠mein. Im Eng¬≠li¬≠schen spricht man dabei schon von ‚ÄěSocial Move¬≠ment Union‚Äú. 

Was ist Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t f√ľr Sie?

Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t ist sehr schwie¬≠rig zu defi¬≠nie¬≠ren, weil sie immer kon¬≠text¬≠ge¬≠bun¬≠den ist. Sie ist immer abh√§n¬≠gig von his¬≠to¬≠ri¬≠schen, spe¬≠zi¬≠fi¬≠schen Situa¬≠tio¬≠nen. Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t ist letzt¬≠end¬≠lich ein Ver¬≠such, sich mit ande¬≠ren zusam¬≠men zusam¬≠men¬≠zu¬≠schlie¬≠√üen, um ein Ziel zu errei¬≠chen. Die¬≠ses Ziel kann immer ganz anders sein. Daher ist Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t kein Begriff, den man inhalt¬≠lich fest¬≠ma¬≠chen kann, son¬≠dern es geht im Prin¬≠zip um das gemein¬≠sa¬≠me Ein¬≠ste¬≠hen f√ľr eine Sache. 

Zeit­strahl der Gewerkschaftshistorie

1873
Ers­ter gro­ßer Streik der Buchdrucker

‚ÄěDie Leu¬≠te schlie¬≠√üen sich zusam¬≠men, weil sie glau¬≠ben, dass sie zusam¬≠men mehr Macht haben. Das hei√üt, sie sind unter¬≠ein¬≠an¬≠der erst¬≠mal als Mit¬≠glie¬≠der einer Gewerk¬≠schaft solidarisch.‚Äú

1873
8.Mai 1873
Ver­ein­ba­rung des ers­ten Flä­chen­ta­rif­ver­tra­ges in der deut­schen Geschichte

8.Mai 1873
1889
Gro­ßer Berg­ar­bei­ter­streik im Ruhrgebiet

Die mili¬≠t√§¬≠ri¬≠sche Inter¬≠ven¬≠ti¬≠on for¬≠der¬≠te elf Tote und zwei Dut¬≠zend Ver¬≠wun¬≠de¬≠te, der Streik blieb erfolglos.

1889
1896/97
Ham­bur­ger Hafenarbeiterstreik

Elf Wochen dau¬≠er¬≠te der Streik, vom 21. Novem¬≠ber bis zum 6. Febru¬≠ar. 17 000 Men¬≠schen leg¬≠ten ihre Arbeit nie¬≠der. Der Kampf blieb zwar erfolg¬≠los, erreich¬≠te jedoch gewal¬≠ti¬≠ge Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit in Wirt¬≠schaft und Presse. 

1896/97
1897
Mas­sen­haf­ter Zulauf

Gewerk¬≠schaf¬≠ten wur¬≠den immer popu¬≠l√§¬≠rer. Mehr und mehr Arbei¬≠ter tra¬≠ten Gewerk¬≠schaf¬≠ten bei, um mehr Druck auf die Arbeit¬≠ge¬≠ber auszu√ľben.

1897
2.Mai 1932
Zer­schla­gung der Gewerk­schaf­ten durch die Nationalsozialisten

2.Mai 1932
1945
Wie¬≠der¬≠her¬≠stel¬≠lung der Tarif¬≠ver¬≠trags¬≠frei¬≠heit und Auf¬≠le¬≠ben der Gewerk¬≠schaf¬≠ten mit¬≠hil¬≠fe der Alliierten

1945
1945‚Äď1970
Bl√ľ¬≠te¬≠zeit der Gewerkschaften

1945‚Äď1970
1989/90
Mau­er­fall und Wiedervereinigung

‚ÄěMan¬≠che Gewerk¬≠schaf¬≠ten √ľber¬≠nah¬≠men ein¬≠fach kol¬≠lek¬≠tiv die Mit¬≠glied¬≠schaft der alten DDR-Gewerk¬≠schaf¬≠ten. Ande¬≠re woll¬≠ten pr√ľ¬≠fen und ver¬≠lang¬≠ten daher einen Neu¬≠ein¬≠tritt. Dadurch erfolg¬≠te 1990 erst ein¬≠mal ein enor¬≠mer Mit¬≠glieds¬≠zu¬≠wachs in den Gewerk¬≠schaf¬≠ten. Wobei vie¬≠le aus den neu¬≠en Bun¬≠des¬≠l√§n¬≠dern sich im Ver¬≠lauf der Jah¬≠re wie¬≠der zu einem Aus¬≠tritt ent¬≠schlos¬≠sen, weil sie sich nicht gut ver¬≠tre¬≠ten sahen. Bis heu¬≠te ist es ja so, dass in vie¬≠len Bran¬≠chen in Ost¬≠deutsch¬≠land weni¬≠ger ver¬≠dient wird als in Westdeutschland.‚Äú

1989/90
2011
Zusam¬≠men¬≠schluss ver¬≠schie¬≠de¬≠ner Gewerk¬≠schaf¬≠ten zur Ver¬≠ein¬≠ten Dienst¬≠leis¬≠tungs¬≠ge¬≠werk¬≠schaft ver.di 

2011
2020
Gewerk­schaf­ten in Corona-Zeiten

‚ÄěMit Sicher¬≠heit wird das nicht die letz¬≠te kri¬≠sen¬≠haf¬≠te Situa¬≠ti¬≠on auf dem Arbeits¬≠markt sein. Was man sehr deut¬≠lich sehen kann, ist, dass Per¬≠so¬≠nen, die unter einem Tarif¬≠ver¬≠trag arbei¬≠ten, momen¬≠tan ein¬≠fach viel bes¬≠ser gesch√ľtzt sind.‚Äú ‚Äď Kevin K√ľh¬≠nert, stell¬≠ver¬≠tre¬≠ten¬≠der SPD-Vorsitzender

2020

Jetzt seid ihr gefragt!

Wie gut habt ihr auf¬≠ge¬≠passt? Mit die¬≠sen Quiz¬≠fra¬≠gen k√∂nnt ihr tes¬≠ten, ob Ihr die wich¬≠tigs¬≠ten Punk¬≠te der Ent¬≠wick¬≠lung von Gewerk¬≠schaf¬≠ten im Ged√§cht¬≠nis behal¬≠ten habt. 

Hin­ter der Geschichte

57 E‚ÄĎMails, 26 Tele¬≠fo¬≠na¬≠te, 5 Face¬≠book-Nach¬≠rich¬≠ten und 3 iMessages. So vie¬≠le Kon¬≠takt¬≠auf¬≠nah¬≠men hat es gebraucht, bis das Reporter*innenteam Gewerk¬≠schaf¬≠ten die Recher¬≠che f√ľr Online, Print und TV abschlie¬≠√üen konnte. 

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