Catcal­ling – Beläs­ti­gung to Go

War­um anzüg­li­che Sprü­che nicht nur Wor­te sind und Respekt kein Flirt­ver­bot bedeutet

von Lea Brugger, Simon Mühlbacher und Sarah Schreier

Trig­ger­war­nung: In die­sem Bei­trag wird sexu­el­le Beläs­ti­gung the­ma­ti­siert. Wenn dich das The­ma belas­tet, schau dir die­sen Bei­trag bes­ser nicht an.

Unge­frag­te obs­zö­ne Ges­ten, Hin­ter­her­pfei­fen, Bedrän­gen – das und vie­les mehr ist Catcal­ling. Es sind eben nicht nur Wor­te, son­dern eine Form von sexu­el­ler Beläs­ti­gung in der Öffent­lich­keit. Doch nicht jeder erkennt das Pro­blem. Eine poli­ti­sche Lösung gibt es in Deutsch­land bis­her nicht.

Was ver­steht man unter Catcalling?

Du bist auf dem Weg zu dei­nen Freund:innen. Ihr wollt euch im Café tref­fen und mal wie­der quat­schen. du freust dich schon auf einem hei­ßen Kakao und dei­nen Lieb­lings­kä­se­ku­chen. Wie es wohl Caro…? – „Hey, Pup­pe! Gei­ler Arsch! Na, has­te Lust zu Ficken?!“ schreit dir ein Mann hin­ter­her. So kann Catcal­ling sein. Das ist sexu­el­le Beläs­ti­gung und ein gro­ßes Pro­blem in Deutschland.

Der Begriff „Catcal­ling“ ist ange­lehnt an das Pfei­fen und Locken einer Kat­ze oder eines Haus­tie­res und umfasst vie­le unter­schied­li­che Hand­lun­gen. Unter Catcal­ling fal­len zum Bei­spiel: Hin­ter­her­hu­pen, Anstar­ren, sexu­el­le Bemer­kun­gen, Anspie­lun­gen und Ange­bo­te und Beschimp­fun­gen, obs­zö­ne Wit­ze, Kom­men­ta­re über den Kör­per, sexu­el­le Beläs­ti­gung in Brie­fen oder im Inter­net sowie Ver­fol­gen. Ein Rechts­be­griff ist Catcal­ling aber nicht.

Was erle­ben Betroffene?

Catcal­ling erle­ben über­wie­gend Frau­en, aber auch Män­ner kön­nen betrof­fen sein. Teil­wei­se erzäh­len Frau­en, dass sie sol­che Situa­tio­nen schon mit 13 Jah­ren erlebt haben. Dabei ist es egal, was sie anha­ben, wenn sie unter­wegs sind. Es ist auch egal, ob sie zu Fuß oder auf dem Fahr­rad unter­wegs sind und wo. Denn Catcal­ling gibt es in grö­ße­ren Städ­ten und in Dör­fern. Das Alter der Täter:innen ist unter­schied­lich: Es sind nicht nur jun­ge Män­ner. Oft sind es auch Grup­pen von Män­nern aus denen sexu­ell auf­ge­la­de­ne Sprü­che kom­men. Passant:innen grei­fen meis­tens nicht ein.

Ein Pro­blem bei Catcal­ling ist, dass es schwer nach­weis­bar ist. Wenn es um sexu­el­le Sprü­che oder Geräu­sche geht, ist es in vie­len Fäl­len kaum mög­lich gegen den oder die Täter vor­zu­ge­hen. Catcal­ling als sol­ches ist bis­her in Deutsch­land nicht straf­bar. In vie­len Fäl­len wird Catcal­ling nicht ernst­ge­nom­men. Vie­le Täter:innen sehen in ihrem Ver­hal­ten kein Problem.

War­um machen Män­ner das?

Die Sozi­al­päd­ago­gin Mela­nie Schmalzl vom Frau­en­not­ruf Mün­chen sagt, dass Catcal­ling immer etwas mit ver­meint­li­cher Macht zu tun hat. Es gin­ge dar­um, Domi­nanz und Kon­trol­le zu zei­gen. Des­we­gen fin­det Catcal­ling ihrer Mei­nung nach nicht aus Ver­se­hen statt, son­dern ist geplant. Catcal­ling wür­de so zu einem Mit­tel, um Frau­en herabzuwürdigen.

Ganz ähn­lich sieht es auch Andre­as Schmie­del. Er ist aus­ge­bil­de­ter Sozi­al­päd­ago­ge und lei­tet das Münch­ner Infor­ma­ti­ons­zen­trum für Män­ner. Das ist ein gemein­nüt­zi­ger Ver­ein, der ein neu­es Selbst­ver­ständ­nis und Rol­len­be­wusst­sein von Män­nern för­dern möch­te. Schmie­del sagt, dass Män­ner, die in der Öffent­lich­keit catcal­len, vor allem eines zei­gen möch­ten: „Ich bin hier Chef im Ring“. Das heißt, es gin­ge vie­len Män­nern gar nicht um den eigent­li­chen Akt von Sexua­li­tät oder Part­ner­schaft, son­dern um Domi­nanz in der Öffent­lich­keit. Dazu passt auch, dass nicht jeder oder jede das Bewusst­sein für Catcal­ling hat. Wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung wüss­ten zwar inzwi­schen, dass Catcal­ling ein pro­ble­ma­ti­sches Ver­hal­ten ist, sagt Schmie­del. War­um es pro­ble­ma­tisch sei, wüss­ten vie­le aber noch nicht. Nur, dass das Ver­hal­ten nicht mehr erwünscht ist. Dabei gibt es aber auch Unter­schie­de je nach Bil­dungs­grad und je nach­dem, ob es im eige­nen Umfeld eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma gibt.

Wie könn­te ich als Passant:in helfen?

Catcal­ling fin­det meis­tens im öffent­li­chen Raum statt. Des­we­gen gibt es in vie­len Situa­tio­nen auch Passant:innen, die das Catcal­ling mit­be­kom­men. Opfer von Catcal­ling erzäh­len aber, dass Zeug:innen meis­tens nicht ein­grei­fen. Hier geben Expert:innen Tipps, wie du bei Catcal­ling hel­fen könntest.

Wie wirkt sich Catcal­ling auf die Psy­che aus?

Catcal­ling macht etwas mit der Psy­che der betrof­fe­nen Per­son: Wer häu­fig objek­ti­fi­ziert wird, fängt oft selbst an, sei­nen Kör­per und sein Aus­se­hen zu über­wa­chen. Das kann bis zu Depres­sio­nen und Ess­stö­run­gen füh­ren. Vie­le Betrof­fe­ne mei­den auch Orte, an denen sie sich unsi­cher füh­len und ändern ihre gewohn­ten Rou­ti­nen. Jede:r geht aber anders damit um. Wie sich Catcal­ling auf die betrof­fe­ne Per­son aus­wirkt, hän­ge davon ab, wie alt sie ist, ob sie sich gene­rell sicher fühlt und schon ein­mal Catcal­ling erlebt hat, sagt Psy­cho­lo­gin und The­ra­peu­tin Chris­tia­ne Sautter.

Mela­nie Schmalzl vom Frau­en­not­ruf Mün­chen hat den Ein­druck, dass inzwi­schen auch vie­le Frau­en „das über sich erge­hen las­sen, weil es so eine Art gesell­schaft­li­che Norm gibt“. Vie­le Frau­en wür­den sich auch selbst Vor­wür­fe machen: „Ich hat­te ja auch sexy Klei­dung an… Habe ich viel­leicht irgend­wie Signa­le gesen­det?“ Mela­nie Schmalzl stellt aber klar, dass die Schuld immer beim Täter liegt.

Wel­ches Aus­maß hat Catcalling?

Über die Ver­brei­tung von Catcal­ling gibt es bis­her nur weni­ge Stu­di­en, die sich expli­zit auf Catcal­ling bezie­hen. Eine grö­ße­re Stu­die zu die­sem The­ma hat das Kri­mi­no­lo­gi­sche For­schungs­amt Nie­der­sach­sen (KFN) im Jahr 2021 erstellt. Im Rah­men einer Online­be­fra­gung zum The­ma „Sexu­el­le Beläs­ti­gung als All­tags­er­fah­rung“ nah­men fast 4.000 Per­so­nen teil. Sie waren im Schnitt etwa 30 Jah­re alt – und gut 90 Pro­zent der Befrag­ten waren schon von Catcal­ling betrof­fen. Mehr als die Hälf­te von ihnen erleb­te Belei­di­gun­gen auf­grund des Geschlechts. Mehr als 42 Pro­zent sind schon sexis­tisch beschimpft worden.

Gibt es Catcal­ling gegen­über Männern?

Catcal­ling rich­tet sich meist gegen Frau­en, aber auch Män­ner kön­nen Opfer von Catcal­ling wer­den. Aber sel­te­ner, denn bei Catcal­ling beläs­tigt die domi­nan­te­re Sei­te die weni­ger domi­nan­te Sei­te, sagt Sozi­al­päd­ago­ge Andre­as Schmie­del. Also meis­tens die Män­ner die Frau­en. Es gehe aber auch anders her­um: Bei Jun­ge­sel­lin­nen­ab­schie­den, oder wenn bestimm­te Frau­en­cli­quen im Club sind, erzählt Andre­as Schmiedel.

„Chalk Back“-Bewegung: Mit Krei­de gegen Catcalling

Im Jahr 2016 haben Aktivist:innen aus den USA den Insta­gram-Account „Catcall­sof­ne­wyork“ gegrün­det. Die Idee dahin­ter war, dass Betrof­fe­ne von Catcal­ling per Direkt­nach­richt ihre Erleb­nis­se wei­ter­ge­ben kön­nen. An der Idee von „Catcall­sof­ne­wyork“ ori­en­tie­ren sich inzwi­schen Aktivist:innen aus der gan­zen Welt. Auch in Deutsch­land gibt es Accounts, zum Bei­spiel in Mainz, Augs­burg und Nürnberg.

Die Helfer:innen schrei­ben die Sprü­che und Erleb­nis­se mit Stra­ßen­krei­de genau dort auf die Stra­ße, wo sie pas­siert sind. Danach foto­gra­fie­ren sie ihre Zei­len auf der Stra­ße und pos­ten die Fotos. Die Absicht dahin­ter erklärt Cla­ra von Catcall­sof­mainz so: „Wir wol­len die Platt­form sein, damit die Betrof­fe­nen sich selbst weh­ren kön­nen, aber es eben nicht selbst tun müssen.“

Dafür neh­men sie alle Ein­sen­dun­gen ernst. Das sind nicht weni­ge: Leo­nie von „Catcall­sof­nu­ern­berg“ erzählt, dass sich allein dort in den ver­gan­ge­nen Jah­ren jeweils über 140 Betrof­fe­ne gemel­det haben. Die Gren­ze zie­hen die Aktivist:innen aber bei Seel­sor­ge­ar­beit. „Wir kön­nen nicht Seel­sor­ge­ar­beit leis­ten für jeman­den, der Ver­ge­wal­ti­gung oder Gewalt erfah­ren hat“, sagt Cla­ra von Catcall­sof­mainz. In sol­chen Fäl­len ver­wei­sen sie auf Hilfs­an­ge­bo­te, wie den Frau­en­not­ruf, mit dem sie in Mainz kooperieren.

Wie Passant:innen auf die Ankrei­dun­gen reagie­ren ist jedoch unter­schied­lich. Eine Senio­rin ist begeis­tert und schreibt in einer E‑Mail, sie hät­te die letz­ten 60 Jah­re gedacht, sie müss­te sich das gefal­len las­sen. Aber es kommt auch vor, dass sich Passant:innen abfäl­lig äußern oder die Ankrei­dun­gen ent­fer­nen. Des­we­gen gehen die Aktivist:innen nor­ma­ler­wei­se nicht allei­ne zum Ankrei­den. Das ist aber nicht immer mög­lich, weil für die Men­ge an Aktio­nen oft auch die Leu­te fehlen.

Leo­nie ist seit 2019 bei „Catcall­sof­nürn­berg“ dabei. Im Inter­view erzählt sie uns warum.

„Mir war das dann wich­tig, dass ande­re Leu­te denen das pas­siert, eine Stim­me bekommen.“ 

Leo­nie, Akti­vis­tin bei Catcallsofnürnberg

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„Ich bin aber direkt zum The­ma gekom­men, weil es mir selbst öfter pas­siert ist. Und ich hat­te auch eine Akti­on, die rela­tiv stark in der Dis­kus­si­on stand auf dem Account.“ Mir war das dann so wich­tig, dass dass man dafür eine Stim­me bekommt. Das hat­te ich selbst erwar­tet und nicht bekom­men und das war dann der per­fek­te Anlass zu sagen, hey ok. Dann möch­te ich das ande­ren Betrof­fe­nen zumin­dest geben können.“ 

Geset­zes­lü­cke bei Catcal­ling in Deutschland

In Deutsch­land gibt es bis­her kein Gesetz, das Catcal­ling unter Stra­fe stellt. Straf­bar wird Catcal­ling nur dann, wenn es noch ande­re Tat­be­stän­de erfüllt. Äuße­run­gen, in der eine Per­son zu einem Sexu­al­ob­jekt her­ab­ge­wür­digt wird, kön­nen als Belei­di­gung ange­zeigt wer­den. Auch men­schen­ver­ach­ten­de Beweg­grün­de bei einer Tat sind straf­bar, wie expli­zit ein Geschlecht zu beleidigen. 

Kommt es zu einer Ehr­ver­let­zung, ist das ein Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht. Seit 2016 ist in Deutsch­land die sexu­el­le Beläs­ti­gung straf­bar: Dafür muss aber eine kör­per­li­che Berüh­rung statt­ge­fun­den haben. Die gibt es aber bei Catcal­ling nor­ma­ler­wei­se nicht. Wenn Catcal­ling unter kei­nen der ande­ren Tat­be­stän­de fällt, kann es bis­her nicht straf­recht­lich ver­folgt wer­den. Es gibt in Deutsch­land also eine Gesetzeslücke.

Ande­re Län­der haben das Pro­blem erkannt und Catcal­ling in ihrer Rechts­spre­chung ver­an­kert. Die­se Lösun­gen prä­sen­tie­ren eini­ge ande­re Län­der aus der EU:

Belgien

In Bel­gi­en gibt es seit 2014 ein Anti-Sexis­­mus-Gesetz. Dafür muss die Äuße­rung in der Öffent­lich­keit oder im Inter­net gesche­hen und gegen eine Per­son gerich­tet sein, mit der Absicht, sie stark zu ver­let­zen. Bestraft wird die Tat mit einem Buß­geld von 1.000 Euro oder einem Jahr Haft. Das Gesetz durch­zu­set­zen ist jedoch schwie­rig, weil die Opfer meist die Namen der Täter:innen nicht ken­nen und sie daher nicht recht­lich ver­folgt wer­den können. 

Portugal

In Por­tu­gal ist ver­ba­le sexu­el­le Beläs­ti­gung straf­bar. Täter:innen zah­len dann eine Geld­stra­fe von bis zu 120 Tages­sät­zen oder müs­sen für bis zu einem Jahr ins Gefäng­nis. Wenn die Opfer jün­ger als 14 Jah­re sind, kön­nen es sogar bis zu 3 Jah­re wer­den. Trotz­dem ist das Gesetz schwer durch­zu­set­zen. Opfer müs­sen näm­lich im Nach­hin­ein bewei­sen, dass sie beläs­tigt wur­den und dass es eine sexu­el­le Äuße­rung war. Dazu kommt, dass vie­le Men­schen gar nicht von dem Gesetz gehört haben und oder dar­über spot­ten. Denn das Gesetz gilt in der Öffent­lich­keit als Ver­bot des in Por­tu­gal übli­chen Flirtens.

Frankreich

In Frank­reich gibt es seit 2018 ein neu­es Gesetz gegen sexu­el­le und sexis­ti­sche Gewalt. Seit­dem kön­nen sexu­el­le Ver­bre­chen gegen Min­der­jäh­ri­ge auch noch nach 30 Jah­ren ange­zeigt wer­den – zuvor waren es 20 Jah­re. Außer­dem gibt es den neu­en Tat­be­stand zu sexu­el­ler Beläs­ti­gung. Die­se kann im öffent­li­chen Raum mit bis zu 1.500 Euro bestraft wer­den. Bei Wie­der­ho­lungs­ta­ten sogar mit bis zu 3.000 Euro. Die Täter:innen kön­nen auch zu Anti-Sexis­­mus-Pro­­­gram­­­men ver­pflich­tet wer­den. Eine wei­te­re Neue­rung: Eine neue Poli­zei­ein­heit soll sexu­el­le Beläs­ti­gung auf der Stra­ße direkt auf­de­cken und ver­fol­gen. Aller­dings kön­nen so trotz­dem nur Taten belangt wer­den, die die Poli­zei selbst beob­ach­tet, denn ein Straf­tat­be­stand ist sexu­el­le „Beläs­ti­gung auf der Stra­ße“ in Frank­reich nicht. Das heißt: Selbst Anzei­ge erstat­ten kön­nen Opfer trotz­dem nicht.

Spanien

In Spa­ni­en gilt seit die­sem Früh­jahr das „Nur-Ja-heißt-Ja-Gesetz“. Damit müs­sen alle Betei­lig­ten einer sexu­el­len Hand­lung aus­drück­lich zustim­men. Das heißt: Sexu­el­le Über­grif­fe wer­den nun als Ver­ge­wal­ti­gung betrach­tet. Kom­men­ta­re oder Ver­hal­tens­wei­sen von sexu­el­ler Natur, sind ver­bo­ten – und damit auch Catcal­ling. Bei Ver­stö­ßen müs­sen Täter:innen eine Geld­stra­fe zah­len, gemein­nüt­zi­ge Arbei­ten ver­rich­ten oder bekom­men bis zu einem Monat in den Haus­ar­rest. Die spa­ni­sche Regie­rung reagiert damit auf meh­re­re Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen. Beson­ders ein Fall im Juli 2016 hat­te lan­des­weit für Pro­tes­te gesorgt: Eine Grup­pe von Män­nern hat­te eine jun­ge Frau mehr­fach ver­ge­wal­tigt und gefilmt. Für das zustän­di­ge Gericht erfüll­te das aber nicht den Tat­be­stand der Ver­ge­wal­ti­gung, da es weder Schlä­ge noch Dro­hun­gen gab und das Opfer pas­siv blieb.

Was tun gegen Catcalling?

Die Stu­den­tin Anto­nia Quell hat im Jahr 2020 eine Peti­ti­on gestar­tet. Sie heißt „Es ist 2020. Catcal­ling soll­te straf­bar sein.“ Knapp 70.000 Per­so­nen haben sie unter­schrie­ben. Anto­nia Quell möch­te damit auf den nach­läs­si­gen Umgang mit ver­ba­ler sexu­el­ler Beläs­ti­gung hin­wei­sen und errei­chen, dass Catcal­ling straf­bar wird.

Da sie ihre Peti­ti­on nicht auf der Sei­te des Bun­des­ta­ges gestar­tet hat, ist sie nicht recht­lich bin­dend. Für ver­geb­lich hält sie ihre Peti­ti­on aber nicht: Im Inter­view sagt sie, dass sie mit der Peti­ti­on auch das Bewusst­sein für das The­ma Catcal­ling schär­fen woll­te. Sie sieht gute Chan­cen, aber rech­net damit, dass die Umset­zung dau­ern kann.

Frau­en, die Catcal­ling, ver­ba­le oder sexu­el­le Gewalt erle­ben, kön­nen sich pro­fes­sio­nel­le Hil­fe holen. Zahl­rei­che Hil­fe­te­le­fo­ne bie­ten das kos­ten­los an. Eines davon ist der Frau­en­not­ruf Mün­chen. Dahin­ter steckt ein gemein­nüt­zi­ger Ver­ein, der sich über Spen­den finan­ziert. Mela­nie Schmalzl berät dort Betroffene. 

„Ganz klar: Der Täter trägt die Verantwortung.“ 

Mela­nie Schmalzl, Frau­en­not­ruf München

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„Ganz klar: Der Täter trägt die Ver­ant­wor­tung, nie­mals die Betrof­fe­nen. Sie haben in kei­ner Art und Wei­se irgend­ei­ne Mit­schuld oder Mit­ver­ant­wor­tung – Das muss klar sein! Und das muss auch in der Gesell­schaft ganz klar so ange­nom­men sein und auch ver­brei­tet werden.“ 

Wie kann man Catcal­ling über die Erzie­hung lösen?

Aber Catcal­ling nur über Stra­fen zu bekämp­fen, reicht nicht aus. Des­we­gen emp­fiehlt Sozi­al­päd­ago­ge Andre­as Schmie­del das gesell­schaft­li­che Pro­blem auch über die Erzie­hung zu lösen. Das sei dann mög­lich, wenn die Erzie­hung von Kin­dern von Anfang an Gleich­be­rech­ti­gung auf vie­len Ebe­nen ver­mitt­le. Also nicht-ras­sis­ti­sche Erzie­hung und gleich­be­rech­tig­te eman­zi­pa­to­ri­sche Erziehung.

Dabei geht es für ihn auch um Empa­thie: Wie geht es der ande­ren Per­son, wenn ich mich ent­spre­chend ver­hal­te? Dabei muss für ihn klar zum Aus­druck kom­men: Män­ner und Frau­en haben die glei­chen Rech­te. Das heißt aber nicht, dass Män­ner kei­ne Frau­en mehr anspre­chen dür­fen, son­dern, dass sich bei­de auch beim Flir­ten mit Respekt begeg­nen sollten.

Wie ste­hen die Par­tei­en zu Catcalling?

Bündnis90/Die Grü­nen the­ma­ti­sie­ren Catcal­ling in ihrem Wahl­pro­gramm zur Bun­des­tags­wahl 2021 expli­zit. Dort heißt es: „Ver­ba­le sexu­el­le Beläs­ti­gung im öffent­li­chen Raum wol­len wir nicht hin­neh­men und wer­den auch geeig­ne­te Ord­nungs­maß­nah­men prü­fen.“ Die Par­tei möch­te einen Bewusst­seins­wan­del in der Gesell­schaft und sieht es als letz­tes Mit­tel, dass Catcal­ling straf­bar wird.

Noch nicht so kon­kret sehen die Posi­tio­nen von SPD und FDP aus. Tei­le der SPD haben dazu 2021 einen Antrag gestellt, dass das The­ma auf dem Bun­des­par­tei­tag 2023 bespro­chen wer­den soll. Ihre For­de­rung: Eine Straf- oder Buß­geld­norm, die Catcal­ling unter Stra­fe stellt und eine umfas­sen­de Auf­klä­rungs­kam­pa­gne. Die FDP hat zum The­ma Catcal­ling aktu­ell kei­ne Beschluss­la­ge und sieht ein Pro­blem dar­in, den Tat­be­stand abzugrenzen.

Bei der CDU/CSU und bei der Lin­ken haben wir kei­ne fina­le Ant­wort erhal­ten. Wir grei­fen hier des­we­gen zwei Zita­te von Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten her­aus: Rein­hard Brandl (CSU) schreibt, dass es mit­hil­fe einer Form der Kri­mi­nal­sta­tis­tik mehr Trans­pa­renz und Doku­men­ta­ti­on bei frau­en­feind­li­che Straf­ta­ten geben soll. Cor­ne­lia Möh­ring (Die Lin­ke) schreibt, dass sie der Straf­rechts­ver­schär­fung kri­tisch gegen­über­ste­he und es Zwei­fel am Mit­tel gebe.

Die AfD hat gar nicht auf unse­re Anfra­ge reagiert. Tei­le der Par­tei schei­nen Catcal­ling auch nicht als Pro­blem auf­zu­fas­sen. So schreibt der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Tho­mas Seitz unter der Peti­ti­on von Anto­nia Quell: „Jun­ge Män­ner müs­sen die Kon­takt­an­bah­nung mit jun­gen Frau­en erst erlernen.“ 

Was braucht es, um Catcal­ling straf­bar zu machen?

Der Deut­sche Juris­tin­nen­bund hat meh­re­re For­de­run­gen, damit Catcal­ling straf­bar wird: Ver­ba­le sexu­el­le Beläs­ti­gun­gen soll künf­tig auch als Belei­di­gun­gen auf­ge­fasst wer­den. Auch geschlechts­spe­zi­fi­sche Beweg­grün­de sol­len expli­zit ergänzt wer­den. Der Deut­sche Juris­tin­nen­bund möch­te einen eige­nen Straf­tat­be­stand oder eine Ord­nungs­wid­rig­keit für „unzu­mut­bar auf­ge­dräng­te Sexualität“.


Lea Brug­ger
Lay­out­re­dak­ti­on

Simon Mühl­ba­cher
Text­re­dak­ti­on

Sarah Schrei­er
Lay­out­re­dak­ti­on

Sabrina G. erlebt solche Situationen öfter

„Um Gottes Willen. Bloß nicht in ein Gespräch verwickeln lassen“

Sabrina G., Betroffene von Catcalling

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„Ich war in dem Moment ziemlich geschockt. Habe einen Moment innehalten müssen und überlegt: „Sage ich jetzt was? Spreche ich ihn darauf an?“ Dann war aber eine andere Stimme in mir, die gesagt hat: „Um Gottes Willen. Bloß nicht in ein Gespräch verwickeln lassen. Ich möchte nicht mit dem reden. Du machst es bloß noch schlimmer“. Und irgendwie war was in mir so gepolt, dass ich mir gedacht habe: „Ne, Du musst nett sein. So schlimm ist es doch gar nicht.“ Ich habe mich des Todes unwohl gefühlt. Ich bin den restlichen Tag rumgelaufen –auch in dem Moment schon –und habe ich mich gefragt: „Liegt es an mir? Soll ich mich anders anziehen? Sehe ich aus, als ob ich auf den Strich gehen würde? Habe ich was falsch gemacht?“ Und ich bin dann im Nachhinein unglaublich wütend gewesen, dass ich nichts gesagt habe, weil mir die Situation einfach unangenehm war und ich mir gedacht habe: „So schlimm ist es nicht. Stell Dich nicht so an. Ich mag nicht, dass andere Leute herschauen.“

Melanie Schmalzl (Frauennotruf München)

Melanie Schmalzl schlägt vor, die Betroffene anzusprechen und so aus der Situation zu holen. Sie gibt ein Beispiel: „Hey Anna! Mensch lange nicht gesehen, komm wir gehen einen Kaffee trinken!“

Man könnte aber auch Passant:innen ansprechen und auf die Situation aufmerksam machen: „Kriegen Sie das auch mit? Der Mann belästigt gerade die Frau! Das geht gar nicht – unterlassen Sie das!“ Oder man wendet sich direkt an den oder die Täter:in: „Ich finde Ihr Verhalten ist sexistisch, unterlassen Sie das.“ Wenn man sich als außenstehende Person nicht traut einzugreifen, sei das aber auch okay. Es hinge auch von der konkreten Situation ab.

Andreas Schmiedel (Münchner Informationszentrum für Männer)

Andreas Schmiedel erklärt, dass Männer in solchen Situationen oft vor einem Dilemma stehen: „Wenn ich mich dagegen stell’, haben die Männer sehr oft das Gefühl, ich muss den jetzt umhauen – alsozu mindestens potenziell umhauen können. “Deswegen wollen sich Männer oft nicht mit Tätern anlegen. Dabei sollten Männer in solchen Momenten aber dem Täter die Bühne nehmen und ihn ansprechen. Und gegebenenfalls auch durchaus Hilfe holen.

Was macht eine Gruppensituation mit Catcalling?

Passant:innen greifen bei Catcalling häufig nicht ein. Warum das so ist, erklärt Psychologin und Therapeutin Christane Sautter mit dem Begriff „Verantwortungsdiffusion“. Das bedeutet: Wenn mehrere Menschen um ein Unglück herumstehen, hilft niemand, weil sich niemand direkt angesprochen fühlt. Gleichzeitig fühlen sich auch Täter sicherer, wenn sie in einer Gruppe unterwegs sind. Deswegen kommen Sprüche häufig auch aus Gruppen.

Abigia hat öfter mit Catcalling zu tun

„Ich habe mich gefühlt, wie Frischfleisch.“

Abigia B., Betroffene von Catcalling

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„Ich hatte einmal ein Erlebnis, da bin ich mit einer Freundin die U-Bahn entlanggelaufen und dann kam uns eine Gruppe junger Männer entgegen. Als die dann näher gekommen sind haben sie uns angeguckt und meinten „Geiler Arsch!“. Es waren mehrere Leute. Als sie dann an uns vorbei sind, dann haben sie angefangen richtig laut zu jaulen und zu schreien. Also wie eine Sirene oder wie wilde Tiere. Und da hab ich mich sehr unwohl gefühlt und wollte auch schnell aus der Situation weg. Und man hat sich beobachtet und wie Frischfleisch gefühlt. Und man wusste einfach nicht, was als nächstes passiert.“

Was ist respektvolles Flirten?

Abigia B. sagt, dass sie es bei Komplimenten schön findet, wenn der Fokus nicht direkt auf ihrem Körper ist, sondern vielleicht auf ihrem Gesicht. Also lieber: „Hey, du strahlst.“ Oder: „Hey du hast schöne Augen.“

Was ist respektvolles Flirten?

Es hilft aber auch, sich beim Komplimente-machen in das Gegenüber hineinzuversetzen. Andreas Schmiedel sagt: „Versuche dir eine authentische Situation vorzustellen, wo das mit dir passiert. Ab welcher Grenze findest du es unangenehm?“

Was ist respektvolles Flirten?

Melanie Schmalzl hat eine Eselsbrücke für respektvolle Komplimente: Wenn ich dieses Kompliment auch meinem Chef oder meiner Chefin gegenüber machen würde oder auch gegenüber meinen Eltern, ist es ein Kompliment, was auch fremde Personen hören möchten. Man könne aber auch immer fragen, ob man ein Kompliment machen darf.