Jedes Jahr ver­las­sen meh­re­re hun­dert Soldat:innen die Bun­des­wehr, meist still und lei­se. Kaum Gesprä­che mit den Kamerad:innen, sel­ten mit der Pres­se. War­um tre­ten Soldat:innen vor­zei­tig aus und war­um set­zen ande­re ihre Sicher­heit für Deutsch­land aufs Spiel?

Es ist nicht leicht, sie zu fin­den. Die Aussteiger:innen. Die, die aus der Rei­he tanz­ten. Wer vor Ablauf der Ver­pflich­tungs­zeit nicht mehr in Reih und Glied ste­hen will, kämpft oft allein. Die Mei­nun­gen der Soldat:innen zu einem vor­zei­ti­gen Aus­tritt sind viel­fäl­tig: von Ver­ständ­nis bis Ableh­nung. Max Died­richs (Name geän­dert) ver­ließ die Bun­des­wehr vor sechs Jah­ren mit einem Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rungs­an­trag (KDV-Antrag).

Der KDV-Antrag

Wenn ein:e Soldat:in die Bun­des­wehr ver­las­sen will und die sechs­mo­na­ti­ge Pro­be­zeit abge­lau­fen ist, geht das häu­fig nur auf eine Wei­se: den Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rungs­an­trag (KDV-Antrag). Der Antrag besteht aus einem for­ma­len Anschrei­ben, dem Lebens­lauf sowie einer Begrün­dung, war­um man den Dienst an der Waf­fe ver­wei­gern will. Anwält:innen, Psycholog:innen oder NGOs hel­fen beim Schrei­ben die­ser Begrün­dun­gen. Häu­fig geht es in den mehr­sei­ti­gen Auf­sät­zen um ein­schla­gen­de Ereig­nis­se im Leben der Soldat:innen sowie um schwe­re Schicksalsschläge.

Died­richs erin­nert sich genau an den Tag, der spä­ter den Grund­stein für sei­nen Bun­des­wehr-Abschied leg­te. Er absol­vier­te zu die­ser Zeit zusätz­lich zu sei­ner Tätig­keit bei der Bun­des­wehr ein Prak­ti­kum als Ret­tungs­sa­ni­tä­ter. Er fuhr zu einem Ein­satz – einer Schie­ße­rei. Das Opfer lag im Ret­tungs­wa­gen, Died­richs saß neben ihm. Eine Pis­to­len­ku­gel hat­te sich in den Ober­schen­kel gebohrt, eine wei­te­re das Bein gestreift. Blut quoll her­aus, Died­richs rede­te mit dem Ange­schos­se­nen, ver­such­te ihn zu beru­hi­gen, bis die Nar­ko­se ein­tre­ten wür­de. Nie zuvor hat­te Died­richs eine Schuss­ver­let­zung gesehen.

„Natür­lich wuss­te ich, dass ich bei der Bun­des­wehr mit Waf­fen arbei­ten muss, aber als Jugend­li­cher weiß man oft noch nicht, was sol­che Waf­fen im mensch­li­chen Kör­per anrich­ten kön­nen. Ich woll­te schon immer Men­schen hel­fen. Die Vor­stel­lung, einem ande­ren Men­schen die­sen Scha­den zuzu­fü­gen, pass­te mit mei­ner Ein­stel­lung nicht mehr zusam­men“, sagt er heute.

Gewis­sens­bis­se nag­ten an Died­richs Sol­da­ten-Dasein. Schus­s­übun­gen mied er – mona­te­lang grü­bel­te er, zog sich immer mehr von sei­nen Kamerad:innen zurück. So lan­ge, bis er sich 2015 einen Anwalt orga­ni­sier­te, um den KDV-Antrag zu stel­len. Der ein­zi­ge Aus­weg, wie er ihn nennt.

Ein Drei­vier­tel­jahr spä­ter geneh­mig­te die Bun­des­wehr sei­nen Aus­tritt. Sein Anwalt betreu­te den Vor­gang, Died­richs selbst bekam nicht viel davon mit. Inner­halb eines Tages fuhr er von sei­nem Wohn­ort, wo er das Wochen­en­de ver­brach­te, zur Kaser­ne und muss­te unter Auf­sicht sei­ner Vor­ge­setz­ten die Stu­be räu­men, Papie­re abge­ben und die Kaser­ne ver­las­sen. Er war jetzt kein Sol­dat mehr. 

Mit Died­richs Ent­las­sung muss­te er knapp 15.000 Euro Schul­den bei der Bun­des­wehr inner­halb eines Jah­res beglei­chen. „Ich habe ja nicht schlecht ver­dient und war auch ein spar­sa­mer Typ. Durch mei­ne Erspar­nis­se konn­te ich das Geld zurück­zah­len, ohne dass ich mich ver­schul­den musste.“ 

Hohe Rück­zah­lun­gen

Aus­bil­dung, Stu­di­um und Lehr­gän­ge müs­sen die Soldat:innen trotz KDV-Antrag häu­fig zurück­zah­len. Ein Aus­stieg kann so schnell tau­sen­de von Euros kos­ten. Die Bun­des­wehr über­nimmt für die Soldat:innen, wäh­rend sie ver­pflich­tet sind, die Kos­ten von Fach­aus­bil­dun­gen, Spe­zi­al­lehr­gän­gen, Füh­rer­schei­nen, aber auch für Ver­pfle­gung und Unterkunft.

Died­richs kri­ti­siert heu­te, dass die Bun­des­wehr nicht genü­gend Auf­klä­rungs­ar­beit leis­tet. „Inner­halb der ers­ten sechs Mona­te kann jeder pro­blem­los aus­stei­gen, aber ab dann ist man gebun­den. Mit 18, 19 Jah­ren kann man noch nicht wis­sen, was 15 Jah­re über­haupt aus­ma­chen – was sich alles in die­ser Zeit ver­än­dern kann. Die Bun­des­wehr kom­mu­ni­ziert auch nicht son­der­lich gut, dass es ab der Ver­pflich­tung gar kei­ne ein­fa­che Mög­lich­keit mehr gibt, rauszukommen.“

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Mit sei­nem Aus­stieg ist er nicht allein. 2022 hat sich die Anzahl der Anträ­ge im Ver­gleich zum Vor­jahr mehr als ver­dop­pelt. 533 regis­trier­te das Bun­des­amt für Fami­lie und zivil­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­ben (BAF­zA) zur Jah­res­mit­te. Die Grün­de für den rapi­den Anstieg der KDV-Anträ­ge im Jahr 2022 könn­ten vom Kriegs­be­ginn in der Ukrai­ne bis zur Ein­füh­rung der Impf­pflicht für Soldat:innen rei­chen. Tho­mas Bay­er, Anwalt für Wehr­recht, ver­mu­tet, dass auch ein anste­hen­der Aus­lands­ein­satz für Soldat:innen ein Grund für den Aus­tritts­wunsch sein kann.

Ein Antrag bedeu­tet aber nicht immer auto­ma­tisch, dass den Soldat:innen der Aus­tritt geneh­migt wird. „Man kommt nur unter zwei Aspek­ten raus. Ent­we­der ein Schlüs­sel­er­eig­nis hat mich so geprägt, dass ich den Job nicht mehr mit mei­nem Gewis­sen ver­ein­ba­ren kann oder eine Ent­wick­lung, die statt­ge­fun­den hat, muss dar­ge­stellt wer­den, wegen der man raus will“, sagt Bay­er. Die Bun­des­wehr prü­fe die­se Anträ­ge dann ganz genau. Sie erkun­di­ge sich gege­be­nen­falls bei den Dienst­vor­ge­setz­ten oder Fami­li­en­mit­glie­dern der Soldat:innen über die Beweg­grün­de, Auf­fäl­lig­kei­ten oder Cha­rak­ter­zü­ge. Ent­pup­pen sich die Aus­sa­gen im KDV-Antrag als falsch, wird er in der Regel abge­lehnt. Nur 40 der 533 Anträ­ge wur­den 2022 bis­her aner­kannt, vie­le ande­re wer­den noch bear­bei­tet, erst zwei wur­den laut Anga­ben des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums in die­sem Jahr abge­lehnt.

Doch dass immer mehr Soldat:innen KDV-Anträ­ge stel­len, ver­steht nicht jeder. Tobi­as Rade­ma­cher sitzt in einem Mün­che­ner Café. Kur­ze, blon­de Haa­re, Jeans, unauf­fäl­li­ges Ober­teil. Seit vier Jah­ren ist er bei der Bun­des­wehr. „Nach­voll­zie­hen kann ich die Aus­trit­te meist nicht. Man hat sich ja bewusst dazu ent­schie­den, bei der Bun­des­wehr zu sein. Beson­ders in den letz­ten Mona­ten zeigt sich, wie wich­tig Sol­da­ten sind. Mei­ne Ent­schei­dung, in der Bun­des­wehr zu die­nen, hat sich dadurch noch­mal gestärkt“, sagt er.

Wäh­rend der Grund­aus­bil­dung bestehe die Mög­lich­keit, pro­blem­los aus der Bun­des­wehr aus­zu­tre­ten. Soldat:innen, die sich im Anschluss ver­pflich­ten und dann nur unter schwe­ren Bedin­gun­gen den Kriegs­dienst ver­wei­gern kön­nen, sei­en laut Rade­ma­cher „selbst schuld“. Die Soldat:innen wüss­ten ja, wor­auf sie sich einlassen.

Seit 2019 ist Rade­ma­cher bei der Bun­des­wehr – und hat sich damit einen Kind­heits­traum erfüllt. Er wuss­te schon früh, dass er der Bun­des­wehr bei­tre­ten will. Im Kin­des­al­ter sah er eine Doku über die Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber, die damals erst eini­ge Jah­re her waren. Als die Flug­zeu­ge in das World Tra­de Cen­ter und das Pen­ta­gon krach­ten, als Tau­sen­de ihr Leben ver­lo­ren, als der Ter­ror nach Ame­ri­ka kam, sag­te er sei­ner Mut­ter, dass er Ter­ro­ris­ten bekämp­fen will. So hat sie es ihm zumin­dest erzählt. Er selbst kann sich an die­ses Gespräch nicht erin­nern, aber die Geschich­te hat ihn geprägt und dien­te als Weg­wei­ser für sein Leben.

Rade­ma­chers Weg in die Bun­des­wehr begann mit der Grund­aus­bil­dung. Inner­halb der drei Mona­te hat er nie mehr als fünf Stun­den pro Nacht geschla­fen. Schon vor dem Früh­stück ging es zum Sport. „Es gab kei­ne Pau­se von mor­gens bis abends. Wir hat­ten Dienst bis 20 Uhr und Über­stun­den ohne Ende“, erzählt er. Doch der 20-Jäh­ri­ge meint, dass die­se Här­te in der Grund­aus­bil­dung wich­tig ist. Man brau­che als Offizier:in Durch­hal­te­ver­mö­gen. Etwas, das nicht alle hat­ten. Ein Drit­tel der ande­ren Offiziersanwärter:innen brach noch wäh­rend der Grund­aus­bil­dung ab.

Mitt­ler­wei­le stu­diert Rade­ma­cher Maschi­nen­bau mit der Spe­zia­li­sie­rung Sicher­heits­sys­te­me bei der Bun­des­wehr. Der Kon­takt zu Soldat:innen in der Trup­pe ist auf ein Mini­mum geschrumpft. Sei­nen mili­tä­ri­schen Vor­ge­setz­ten sieht er nur alle drei Monate.

Wäh­rend Died­richs sei­ne Waf­fe nicht mehr anfas­sen woll­te, ver­spürt Rade­ma­cher bei sei­nen Schieß­übun­gen einen Gefühls­cock­tail aus „Ent­span­nung, Spaß und Adre­na­lin“. Er freut sich dar­auf, sei­ne „Fähig­kei­ten im Ernst­fall unter Beweis stel­len zu kön­nen“. Im Aus­lands­ein­satz ist Rade­ma­cher aller­dings noch nicht gewe­sen. Dass er, wie Died­richs, jemals vor­zei­tig aus­tre­ten wür­de, kann er sich nicht vorstellen.

Für Anwalt Tho­mas Bay­er kei­ne Über­ra­schung: „Die Bun­des­wehr sorgt rund­um für die Soldat:innen. Sie bekom­men Essen, Klei­dung, eine Unter­kunft, eine Aus­bil­dung, die Waf­fen­aus­rüs­tung – die grund­sätz­li­chen Sachen sind alle da. Und trotz­dem kann es pas­sie­ren, dass bei­spiels­wei­se ein Ereig­nis, bei dem ein Mensch erschos­sen wird, die Ein­stel­lung zur Bun­des­wehr so sehr ändert, dass man aus­tre­ten muss.“

Died­richs sagt, auch er habe als jun­ger Sol­dat nicht damit gerech­net, dass er eines Tages aus­stei­gen wür­de. Aber man ler­ne das rich­ti­ge Leben in der Bun­des­wehr erst ken­nen, wenn die Aus­bil­dung abge­schlos­sen sei und man zu sei­ner Trup­pe komme.

Rade­ma­cher ist sich trotz­dem sicher, dass die Bun­des­wehr das Rich­ti­ge für ihn ist und dass er sich dort ver­wirk­li­chen kann. „Ich bin stolz auf Deutsch­land. Wir haben eine ordent­li­che Demo­kra­tie und die möch­te ich behal­ten. Vie­le Leu­te schät­zen das nicht wert, weil sie noch nie gese­hen haben, wie es in ande­ren Län­dern ist, in denen es ein ande­res poli­ti­sches Sys­tem gibt. Für unse­re Demo­kra­tie wür­de ich auch in einen Ein­satz gehen. Ich möch­te im Leben etwas errei­chen, einen Unter­schied machen. Die Bun­des­wehr gibt mir dafür die Mög­lich­keit“, sagt er. Wäh­rend Rade­ma­cher spricht, probt im Hin­ter­grund des Mün­che­ner Cafés eine Band. Heroi­sche Instru­men­tal-Musik ertönt, die die Sze­ne­rie wie einen Hol­ly­wood-Block­bus­ter wir­ken lässt. Rade­ma­cher muss lachen, stellt dann aber noch­mal mit erns­ter Mimik klar: „Ich bin bereit, mei­ne eige­ne Sicher­heit für die Sicher­heit Deutsch­lands zu opfern.“

Für Died­richs ist es beru­hi­gend zu wis­sen, dass er heu­te nicht als Ers­ter in „irgend­ein Kriegs­ge­biet muss, wenn es knallt“. Er arbei­tet noch immer als Ret­tungs­sa­ni­tä­ter. Er ist noch immer bereit, sei­ne eige­ne Sicher­heit für die Gesund­heit ande­rer zu opfern. Nur schie­ßen möch­te er nicht. Nie­man­den ver­wun­den, nur um ihn dann behan­deln zu müs­sen. Dafür war der KDV-Antrag nötig.


Ste­fa­nia Freundl
Social-Media-Redak­ti­on (CvD)

Tom Kolb
Text­re­dak­ti­on, Social-Media-Redak­ti­on

Rika Mank
Redak­ti­ons­lei­tung

Tim Rausch
Text­re­dak­ti­on (CvD)

Paul Schulz
Lay­out­re­dak­ti­on (CvD), Autor:innen-Gruppenleitung