Täg­lich errei­chen uns Bil­der aus der Ukrai­ne. Men­schen sit­zen in U‑Bahn-Sta­tio­nen und Kel­lern. War­ten dar­auf, dass der Krieg vor­bei ist. Aber wie sieht die Schutz­raum­si­tua­ti­on eigent­lich in Deutsch­land aus? Gibt es über­haupt noch Bun­ker und wer ist für sie zustän­dig? Und die wich­tigs­te Fra­ge: Wo ist der nächs­te Bun­ker in mei­ner Nähe?

In Deutsch­land gibt es 12.829 Hotels. Dar­in könn­te jede:r 46-ste Deut­sche gleich­zei­tig über­nach­ten. 58.500 Kitas bie­ten bun­des­weit Platz für etwa 3,7 Mil­lio­nen Kin­der. Schutz­räu­me gibt es aber nur 599 in ganz Deutsch­land. Sie bie­ten Platz für 488.089 Per­so­nen. Das wäre jede:r 170-ste Deut­sche. Zu wenig für ein Land mit 83 Mil­lio­nen Einwohner:innen?

Wenn wir an Bun­ker in Deutsch­land den­ken, fal­len uns Bil­der aus dem Zwei­ten Welt­krieg ein, die wir aus der Schu­le oder Nach­kriegs­fil­men ken­nen. Men­schen sit­zen eng zusam­men­ge­pfercht in dunk­len, kal­ten Kel­lern – das Ziel: Haupt­sa­che über­le­ben. Die­se Bun­ker gibt es heu­te nicht mehr.

Spä­ter, im Kal­ten Krieg, wur­den neue Schutz­räu­me zum Schutz der Bevöl­ke­rung gebaut. Doch heu­te sind die meis­ten Anla­gen aus dem Kal­ten Krieg nicht mehr zu gebrau­chen. Nach dem Fall der Sowjet­uni­on ver­lo­ren die Schutz­räu­me stark an Bedeu­tung und ihre Instand­hal­tung sank in der Prio­ri­tät. Das ging so weit, dass 2007 Bund und Län­der beschlos­sen, die öffent­li­chen Schutz­an­la­gen nicht mehr wei­ter zu erhal­ten. Betreut mit der Rück­ab­wick­lung wur­den dafür das Bun­des­amt für Bevöl­ke­rungs­schutz und Kata­stro­phen­hil­fe (BBK) und seit 2020 die Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­ga­ben (BImA).

Seit­dem wur­den die meis­ten der ehe­mals 2.000 Anla­gen ver­kauft oder zurück­ge­baut. Übrig blie­ben nur 599 Schutz­räu­me bun­des­weit, die heu­te noch „for­mal dem Zivil­schutz gewid­met“ sind, teilt das BBK mit. Wei­ter heißt es: „Mit dem Fall der Mau­er und der Been­di­gung des Ost-West-Kon­flikts schien das Sze­na­rio eines kon­ven­tio­nel­len Krie­ges nicht mehr zeitgemäß.“

In Ost­deutsch­land sieht es beson­ders schlecht aus 

Nach dem Aus­bruch des Ukrai­ne­kriegs scheint ein „kon­ven­tio­nel­ler Krieg“ aber auch in Deutsch­land gar nicht mehr so unwahr­schein­lich. Das BBK sagt hier­zu, dass auf­grund der geän­der­ten Angriffs­sze­na­ri­en neue „kon­zep­tio­nel­le Über­le­gun­gen für den phy­si­schen Schutz der Bevöl­ke­rung“ statt­fin­den. Das bedeu­tet, dass die Rück­ab­wick­lung der Bun­ker vor­erst gestoppt ist. Auch prüft die BImA momen­tan die noch ver­blie­be­nen Schutz­räu­me und unter­sucht, ob es mög­lich wäre, vie­le der inak­ti­ven Schutz­räu­me zu reak­ti­vie­ren. Außer­dem führt das BBK aktu­ell ein For­schungs­pro­jekt durch, bei dem inno­va­ti­ve Schutz­kon­zep­te ent­wi­ckelt werden. 

In Ost­deutsch­land sieht es beson­ders schlecht aus: Dort gibt es offi­zi­ell gar kei­ne öffent­li­chen Schutz­räu­me mehr. Zumin­dest kei­ne, die der Zivil­schutz­bin­dung unter­lie­gen. Nach der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung wur­den die ehe­ma­li­gen DDR-Bun­ker nicht mit in das gesamt­deut­sche Schutz­kon­zept übernommen. 

Es gibt kei­ne öffent­li­che Lis­te, wo im Kri­sen­fall der nächs­te Bun­ker ist. Aus Sicher­heits­grün­den wer­den die genau­en Stand­or­te nicht gesam­melt bekannt gege­ben. Bei Bedarf wären die Kom­mu­nen für die Ver­öf­fent­li­chung und Ver­tei­lung der Bun­ker-Plät­ze zustän­dig. Wie gut das Sys­tem im Ernst­fall funk­tio­nie­ren wür­de, lässt sich nicht sagen. Detail­lier­te Lis­ten zu Schutz­räu­men wer­den als Hob­by­pro­jek­te, von Bunkerfreund:innen und ehren­amt­li­chen Ver­ei­nen erstellt. Klei­ne­re Regio­nal­zei­tun­gen berich­ten über Bun­ker in ihren Land­krei­sen – wenn es denn wel­che gibt. 

Bun­ker­an­la­gen in Oberbayern

In der Regi­on Ober­bay­ern befin­den sich laut Anga­ben der Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­ga­ben noch 59 Bun­ker- und Schutz­an­la­gen, auf die der Bund im Not­fall zurück­grei­fen kann. Die­se ste­hen unter ande­rem in den Land­krei­sen Mün­chen, Rosen­heim und Starnberg. 

alle Land­krei­se mit Bunkern

  • Alt­öt­ting
  • Berch­tes­ga­de­ner Land
  • Bad Tölz-Wolf­rats­hau­sen
  • Ebers­berg
  • Eich­stätt
  • Erding
  • Frei­sing
  • Fürs­ten­feld­bruck
  • Lands­berg am Lech
  • Mies­bach
  • Mühl­dorf a. Inn
  • Mün­chen
  • Rosen­heim
  • Starn­berg
  • Traun­stein
Die Land­krei­se Gar­misch-Par­ten­kir­chen, Weil­heim-Schon­gau, Dach­au, Neu­burg-Schro­ben­hau­sen und Pfaf­fen­ho­fen haben gar kei­ne für den Bund ver­füg­ba­ren Schutzanlagen.

Ver­füg­bar, aber häu­fig nicht nutz­bar 

Nur weil der Bund auf die­se 59 Anla­gen zurück­grei­fen kann, heißt das nicht, dass sie im Ernst­fall wirk­lich als Schutz­raum zu gebrau­chen wären. Vie­le der Bun­ker sind bau­fäl­lig und haben nicht mehr die nöti­ge Aus­stat­tung, um in einer Kri­se zu schüt­zen. Dies bestä­ti­gen auch BImA und BBK. 

Akti­ve und funk­ti­ons­tüch­ti­ge Anla­gen gibt es nur weni­ge in Ober­bay­ern. So teilt der Kata­stro­phen­schutz­be­auf­trag­te des Land­krei­ses Traun­stein auf Anfra­ge mit, dass nur ein ein­zi­ger Schutz­raum benutz­bar sei. Die Stadt Rosen­heim hat gleich drei und auch in Frei­sing gibt es noch sechs ein­setz­ba­re Schutzräume.

Stand­or­te der akti­ven Bun­ker in Oberbayern.

Pri­va­ti­siert, Muse­um oder Tief­ga­ra­ge 

Ande­re Land­krei­se ver­wei­sen nach Anfra­ge auf das BBK oder die BImA. Die­se beru­fen sich auf die Geheim­hal­tung und ver­wei­gern nähe­re Aus­künf­te. Man­che Land­rats­äm­ter schei­nen nicht mal zu wis­sen, wer denn eigent­lich für die Bun­ker zustän­dig ist. Sie ver­wei­sen teils auf die Zustän­dig­keit der Regie­rung von Ober­bay­ern, doch die erklärt: „Die Kata­stro­phen­schutz­pla­nung ist Auf­ga­be der jewei­li­gen Kreis­ver­wal­tungs­be­hör­den.“ Die Zustän­dig­kei­ten wer­den hin und her geschoben. 

Vie­le der ehe­ma­li­gen Schutz­räu­me befin­den sich nach der Rück­ab­wick­lung mitt­ler­wei­le in Pri­vat­ei­gen­tum. Ande­re sind heu­te Mehr­zweck­hal­len, Lager­räu­me oder Muse­en. So war Schloss Zin­ne­berg in Ebers­berg frü­her ein unter­ir­di­sches Hilfs­kran­ken­haus und die Ingol­städ­ter Tief­ga­ra­ge am Thea­ter war mal einer der größ­ten Schutz­räu­me Europas.

Stand­or­te der ehe­ma­li­gen Schutz­an­la­gen und ihr heu­ti­ger Verwendungszweck.

Also wohin, wenn es ernst wird? In den Kel­ler? Oder soll­te man lie­ber die alten Schutz­räu­me aus dem Kal­ten Krieg reak­ti­vie­ren? Rea­lis­ti­scher ist tat­säch­lich die ers­te Vari­an­te. Denn unse­re heu­ti­ge Mas­siv­bau­wei­se wür­de im Kri­sen­fall gar nicht mal schlecht schüt­zen. Das BBK gibt an, dass die Bun­des­re­pu­blik heu­te flä­chen­de­ckend über eine Bau­sub­stanz ver­fügt, „die unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen bereits einen signi­fi­kan­ten Schutz vor dem Ein­satz von Kriegs­waf­fen bie­ten kann.“ U‑Bahn-Sta­tio­nen, Tief­ga­ra­gen und Kel­ler­räu­me bie­ten dem­nach bereits einen Grund­schutz, falls kei­ne Bun­ker ver­füg­bar sein sollten. 

Wohin im Ernstfall?

Doch wie sieht das Sicher­heits­kon­zept in den ein­zel­nen Land­krei­sen genau aus? Wir schau­en uns dafür den Land­kreis Eich­stätt an. Beim Anruf im Land­rats­amt kommt raus, dass es in Eich­stätt noch drei Bun­ker gibt. Die­se befin­den sich aller­dings in pri­va­ter Hand und haben dem­nach kei­ne Rele­vanz für die Öffent­lich­keit. Außer­dem erklärt man uns, dass kei­ne Not­fall­plä­ne für Schutz­plät­ze exis­tie­ren. Statt­des­sen ver­weist man auf Nach­fra­ge auf alter­na­ti­ve Schutz­räu­me. Einer davon wäre die Tief­ga­ra­ge in der Pedetti­stra­ße 4, im Zen­trum Eich­stätts. Die­se wird von den Stadt­wer­ken Eich­stätt betrie­ben. Zeit, sich die Alter­na­ti­ve genau­er anzusehen. 

Die Tief­ga­ra­ge in der Pedetti­stra­ße 4 könn­te als alter­na­ti­ver Schutz­raum dienen.

Kaum drin­nen, riecht es nach Abga­sen und abge­stan­de­ner Luft. Ziga­ret­ten­kip­pen lie­gen in den Park­buch­ten. Die ehe­mals weiß gestri­che­nen Beton- und Stein­wän­de sind geschwärzt von Ruß. Neon­röh­ren fla­ckern. Das Not­aus­gangs­schild blinkt trau­rig, wenn der Bewe­gungs­mel­der aus­geht. Die sechs unter­ir­di­schen Par­kebe­nen sind jeweils etwa 2,50 Meter hoch. Aller­dings reicht bis in die vier­te Par­kebe­ne ein Schacht, sodass sich ledig­lich die unters­ten zwei Eta­gen im Kri­sen­fall als Schutz­platz eig­nen wür­den. Hier sind die Wän­de tat­säch­lich mas­siv und wir­ken stabil. 

Trotz­dem stellt sich kein Sicher­heits­ge­fühl ein. Allein schon des­halb nicht, weil es an wich­ti­ger Not­fall­tech­nik fehlt, so wie es wohl in den aller­meis­ten alter­na­ti­ven Schutz­an­la­gen der Fall ist. Schließ­lich wer­den Vor­rä­te und Trink­was­ser in U‑Bahn-Sta­tio­nen nur sel­ten gela­gert. Und die wenigs­ten Kel­ler haben einen Luft­fil­ter. Damit wür­den sie bei che­mi­schen oder nuklea­ren Angrif­fen über­haupt kei­nen Schutz bie­ten. Und wohin gehen die vie­len Men­schen, die kei­nen Kel­ler haben? Sie wären im Not­fall auf den Bund ange­wie­sen. Und ob die Schutz­räu­me, die noch dem Bund gehö­ren tat­säch­lich funk­ti­ons­tüch­tig sind, wird sich hof­fent­lich nie­mals zei­gen müssen. 

Ehe­ma­li­ge und akti­ve Schutzräume.


Mai-Char­lott Hein­ze
Text­re­dak­ti­on, Social-Media-Redak­ti­on, Autor:innen-Gruppenleitung

Michel­le Milewk­si
Lay­out­re­dak­ti­on

Sarah Schrei­er
Lay­out­re­dak­ti­on

Lukas Ver­dross
Text­re­dak­ti­on (CvD)

Thor­ge Wul­ff
Lay­out­re­dak­ti­on